← Die Chronik der unsichtbaren Stadt
Chapter 7 Revised 1,259 Words

Die Rebellion der Unsichtbaren — Lysara trifft andere Menschen, die ihre Sichtbarkeit zurückgewonnen haben, und versteht, dass sie nicht allein ist.

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Szene 1 – Das erste Treffen

Lysara drückt sich gegen die Wand, als die Tür sich mit einem leisen Klick öffnet. Sie hatte nicht gewusst, dass es eine gab. Oder dass sie geschlossen war. Die Wand hinter ihr vibriert unter ihren Fingerspitzen, als würde sie atmen, und die Narben, die sie vor Stunden noch an sich selbst gespürt hatte, scheinen jetzt in die Wand selbst überzugehen – ein Netz aus hellen, pulsierenden Linien, das sich in die Dunkelheit frisst.

Du bist nicht allein.

Die Stimme kommt nicht von der Tür. Sie kommt von überall und nirgends zugleich. Lysara erstarrt. Ihr Herz schlägt so laut, dass sie glaubt, es würde die Wände zum Beben bringen.

Du denkst, du bist die Erste. Aber du bist es nicht.

Die Tür bewegt sich weiter, langsam, als würde sie von unsichtbaren Händen geführt. Lysara rührt sich nicht. Sie hat keine Wahl. Die Stadt lässt sie nicht wählen.

Drinnen ist es warm. Zu warm. Die Luft riecht nach Metall und etwas Süßlichem, wie verbrannte Früchte. Lysara tritt ein – und bleibt stehen.

Fünf Menschen.

Fünf Gesichter.

Ein Mann mit Narben, die sich wie ein Fluss über seine Wangen ziehen. Eine Frau, deren Augen milchig weiß sind, aber trotzdem etwas sehen. Ein Junge, dessen Gesicht so glatt ist, dass Lysara fürchtet, er könnte jede Sekunde wieder verschwinden. Eine ältere Frau, deren Haut sich an manchen Stellen wie Papier anfühlt. Und ein letzter, ein Mann mit einem Gesicht, das Lysara nicht deuten kann – es ist, als hätte jemand ein Muster in den Wind gezeichnet und es dann festgehalten.

Sie hat mich gefunden, denkt Lysara. Sie hat mich gefunden und hierhergebracht.

„Du bist die Neue“, sagt die ältere Frau. Ihre Stimme ist rau, aber nicht unfreundlich. „Wir haben auf dich gewartet.“

Lysara öffnet den Mund. Kein Klingeln. Kein Schmerz. Nur Stille. Sie atmet. Einmal. Zweimal. Dann sagt sie: „Ich… ich verstehe nicht.“

Die Frau lächelt. Es ist kein freundliches Lächeln. Es ist das Lächeln von jemandem, der schon zu lange weiß, wie die Welt funktioniert. „Natürlich verstehst du es nicht. Niemand versteht es. Nicht am Anfang.“

Der Junge tritt näher. Seine Augen sind zu groß für sein Gesicht, als wäre er noch nicht fertig gewachsen. „Du hast deine Sichtbarkeit zurückgewonnen, oder?“

Lysara berührt ihr Gesicht. Es ist da. Es ist ihr. „Ja. Aber… warum?“

„Weil die Stadt es dir gegeben hat“, sagt der Mann mit den Narben. „Und weil du es wolltest.“

„Aber… warum mich?“

Die ältere Frau kommt näher. Sie riecht nach Staub und etwas, das Lysara nicht benennen kann. „Weil du anders bist. Weil du fühlst. Weil du die Narben hast.“

Lysara betrachtet ihre Hände. Sie hat Narben? Sie hat Narben? Sie hat nichts gefühlt. Sie hat nur gelebt. Als unsichtbarer Körper in einer unsichtbaren Welt.

Du bist nicht allein.

Die Stimme kommt wieder. Lysara zuckt zusammen.

„Sie spricht zu dir“, sagt der Junge. „Das macht sie immer. Am Anfang.“

„Wer spricht zu mir?“

„Die Stadt“, sagt die Frau mit den milchigen Augen. „Sie flüstert dir Dinge. Sie zeigt dir Dinge. Sie testet dich.“

Lysara spürt, wie sich ihr Magen zusammenzieht. „Und was soll ich testen?“

Die ältere Frau legt ihr eine Hand auf die Schulter. Es ist das Erste, das Lysara jemals berührt hat. Es fühlt sich an, als würde sie brennen. „Dass du nicht wie die anderen bist. Dass du widerstehen kannst.“

Lysara will fragen, was das bedeutet. Aber die Tür hinter ihr beginnt zu vibrieren. Ein leises, unheimliches Summen, wie ein Motor, der langsam hochgefahren wird.

„Sie kommt“, sagt die Frau mit den milchigen Augen.

„Wer kommt?“

„Die Stadt“, sagt der Mann mit den Narben. „Sie kommt immer, wenn wir zusammen sind.“

Die Tür öffnet sich weiter. Diesmal ohne Klick.

Diesmal ohne Einladung.

Und Lysara weiß: Sie wird nicht gehen. Nicht heute. Nicht jetzt.

Weil zum ersten Mal seit Jahren hat sie etwas, das ihr gehört.

Und das ist mehr, als sie jemals für möglich gehalten hat.


Szene 2 – Kapitel 7: „Die Narben und die Stadt“

Die Tür hinter Lysara bewegt sich nicht mehr. Sie ist still. Kein Wackeln, kein Summen, kein Gefühl, als würde etwas von der anderen Seite drücken. Stattdessen liegt ein Druck in der Luft, als würde die Stadt den Atem anhalten, bevor sie zugreift.

Die fünf Menschen vor Lysara haben sich nicht gerührt. Ihre Gesichter bleiben starr, aber jetzt, in der Stille, ist etwas anders. Die Frau mit den milchigen Augen fixiert Lysara nicht mehr. Ihre Pupillen sind nicht mehr leer, sondern haben sich zu kleinen, dunklen Punkten zusammengezogen, als würden sie sich öffnen – aber nicht für Lysara.

Lysara spürt es zuerst in den Knochen. Ein Klingeln, so leise, dass sie fast denkt, es wäre in ihrem Kopf. Dann in den Zähnen. Dann in den Ohren. Nicht schmerzhaft. Noch nicht. Nur ein Gefühl, als würde etwas an ihr zupfen, als würde die Stadt sie mit unsichtbaren Fingern berühren und prüfen, ob sie noch da war.

„Sie ist wach“, sagt der Mann mit den Narben. Seine Stimme ist nicht laut, aber sie dringt durch Lysaras Schädel, als wäre sie direkt in ihren Gedanken.

Die ältere Frau lacht. Es ist kein fröhliches Lachen. Es ist das Lachen von jemandem, der weiß, dass das Spiel gleich beginnt. „Natürlich ist sie wach. Sie war schon immer wach.“

Lysara will fragen, was sie meint. Aber die Worte kommen nicht. Sie fühlt nur, wie sich etwas in ihr bewegt, etwas, das sie noch nie gespürt hat. Etwas, das sie nicht benennen kann, aber das sich anfühlt wie… Erinnerung.

„Du denkst, du bist die Erste“, sagt der Junge. Seine Stimme ist hoch, fast ein Flüstern. „Aber das bist du nicht.“

„Wer bin ich dann?“, fragt Lysara. Ihre Stimme klingt fremd, als würde sie durch eine Maske sprechen.

Die Frau mit den milchigen Augen tritt einen Schritt näher. Jetzt kann Lysara sehen, dass ihre Augen nicht mehr milchig sind. Sie sind jetzt… grün. Nicht wie die Augen eines Menschen. Nicht wie die Augen von etwas, das Lysara kennt. Sie sind grün wie die Lichter der Stadt, wenn sie nachts die Wände beleuchteten.

„Du bist die, die die Narben hat“, sagt die Frau. „Die, die fühlt. Die, die widersteht.“

Lysara blickt auf ihre Hände. Sie hat Narben? Sie hat Narben? Sie hat nichts gefühlt. Sie hat nur gelebt. Als unsichtbarer Körper in einer unsichtbaren Welt.

Du bist nicht allein.

Die Stimme kommt wieder. Lysara zuckt zusammen. Sie kennt diese Stimme. Sie hat sie schon gehört. In ihren Träumen. In der Stadt.

„Sie spricht zu dir“, sagt der Junge. „Das macht sie immer. Am Anfang.“

„Wer spricht zu mir?“

„Die Stadt“, sagt die Frau mit den grünen Augen. „Sie flüstert dir Dinge. Sie zeigt dir Dinge. Sie testet dich.“

Lysara spürt, wie sich ihr Magen zusammenzieht. „Und was soll ich testen?“

Die ältere Frau legt ihr eine Hand auf die Schulter. Es ist das Erste, das Lysara jemals berührt hat. Es fühlt sich an, als würde sie brennen. „Dass du nicht wie die anderen bist. Dass du widerstehen kannst.“

Lysara will fragen, was das bedeutet. Aber die Tür hinter ihr beginnt zu vibrieren. Ein leises, unheimliches Summen, wie ein Motor, der langsam hochgefahren wird.

„Sie kommt“, sagt die Frau mit den grünen Augen.

„Wer kommt?“

„Die Stadt“, sagt der Mann mit den Narben. „Sie kommt immer, wenn wir zusammen sind.“

Die Tür öffnet sich weiter. Diesmal ohne Klick.

Diesmal ohne Einladung.

Und Lysara weiß: Sie wird nicht gehen. Nicht heute. Nicht jetzt.

Weil zum ersten Mal seit Jahren hat sie etwas, das ihr gehört.

Und das ist mehr, als sie jemals für möglich gehalten hat.

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