Die Maske des Direktors — Lysara und Orion dringen tiefer in das System ein, aber der Direktor beginnt, sie zu jagen.
Kapitel 4 — Szene 1: „Die Datei, die nicht sein sollte“
Die Knochen in Lysaras Rücken vibrierten, als sie die Hand auf die Wand legte. Nicht Schmerz — etwas anderes. Ein Pochen, das von innen kam, als würde die Wand atmen und sie mitatmen lassen. Orion stand regungslos neben ihr, die Finger gespreizt wie ein Abwehrzauber.
„Da“, flüsterte er. „Hier.“
Sein Zeigefinger glitt über die Oberfläche, ohne sie zu berühren. Lysara spürte die Bewegung in ihren eigenen Knochen nach, als würde die Wand sie durch ihn fühlen lassen. Sie lehnte sich näher, bis ihr Atem die kalte Luft vor ihr verformte. Die Wand war kein Metall mehr, kein Fleisch. Sie war —
„Ein Interface.“
Die Stimme kam von irgendwo über ihnen, scharf wie ein Messer, das nicht da war. Lysara zuckte zurück, ihr Rücken collidierte mit Orion. Sie suchten die Quelle, fanden nichts. Kein Laut, kein Schimmer, kein Gesicht. Nur die Wand, die sich langsam, als würde sie gähnen, an einer Stelle verdunkelte.
„Wer hat das gesagt?“, fragte Orion, und seine Stimme war zu normal, zu Rufe, zu explodieren.
„Vex.“
Die Wand flackerte. Ein face. Nicht ganz. Ein Mund, ein Kinn, aber keine Augen, keine Nase — nur ein dunkler Schlund, der sich öffnen und schließen wollte. Lysara presste die Hände vor ihr Gesicht, als könnte sie es so zurückdrängen. Die Wand lachte nicht. Sie wusste es.
„Das Archiv ist geschlossen“, sagte Orion. „Die Stadt lügt.“
Die Wand flackerte wieder. Diesmal erschien ein Name. Kael Ryn. Drei Buchstaben, in einem Schwarz, das kein Schwarz war, das Lysaras Augen zwang, es zu lesen, obwohl sie es nicht wollte. Ihr Mund war trocken. Der Direktor.
„Er kontrolliert die Gesichter“, sagte Orion leise. „Die echten. Die, die man verbrennen muss.“
Lysara atmete. Langsam. Ihr Herz schlug gegen ihre Rippen. Kael Ryn. Der Mann, dessen Name sie in einem Traum gehört hatte, bevor die Gesichter kamen. Der Mann, dessen Gesicht sie nie gesehen hatte, weil sie es nicht durfte.
„Warum zeigt sie uns das?“, fragte sie. Ihre Stimme klang fremd, als gehöre sie jemand anderem.
„Weil sie weiß, dass du es wissen willst.“ Orion drehte sich um. Seine Augen — unsichtbar, aber Lysara spürte sie, als würden sie auf ihr stehen — waren auf etwas gerichtet, das sie nicht sah. „Weil sie dir etwas gibt, das du nicht annehmen solltest.“
Die Wand flackerte. Kael Ryn verschwand. Zurück blieb nur die Dunkelheit, die wie ein offener Mund aussah. Lysara spürte, wie etwas in ihr nach unten rutschte, etwas, das sie nicht halten konnte.
Dann — ein Klingeln. Nicht in den Ohren. In den Knochen.
Dein Fehler, Lysara.
Kapitel 4 — Szene 2: „Die Straßen, die dich kennen“
Das Klingeln riss Lysara aus der Wand. Es kam von überall, durchdrang ihre Knochen, hämmerte gegen ihre Zähne. Sie presste die Hände gegen die Schläfen, als könnte sie es so stoppen. Dein Fehler, Lysara. Die Stimme war nicht mehr in der Wand. Sie war in ihrem Schädel.
„Orion —“
„Wir gehen.“
Seine Hand packte ihren Arm, nicht sanft, und zog sie mit sich. Lysara stolperte hinter ihm her, ihre Füße fand der Boden nicht mehr, als würde die Straße sich weigern, sie zu tragen. Sie rannten. Kein Ziel. Nur Richtung. Irgendwohin, weg von der Wand, weg vom Klingeln, weg von der Stimme, die ihr gesagt hatte, sie hätte sich geirrt.
Doch die Straßen kannten sie.
Die Wände flackerten hinter ihnen, im Takt des Klingelns. Kael Ryn erschien und verschwand, als würden die Buchstaben sich weigern, länger als einen Atemzug zu bleiben. Lysara spürte, wie die Luft sich veränderte, als würde sie dicker, als würde sie atmen. Sie konnte es nicht erklären. Sie fühlte es.
Orion bog in eine Seitenstraße ab, wo die Wände dunkler waren, fast unsichtbar. Das Klingeln wurde leiser, aber nicht weniger. Es war immer noch da. In ihr.
„Sie jagt uns“, sagte Orion, ohne sich umzudrehen. Seine Stimme war flach, ohne Emotion, als würde er nur eine Tatsache feststellen.
„Wer jagt uns?“
„Der Direktor.“
Das war alles. Keine Erklärung. Keine Warnung. Nur die Wahrheit.
Lysara blieb stehen. Die Straße war eng, die Wände so dunkel, dass sie sie kaum noch erkennen konnte. Sie atmete tief ein. Der Geruch von Metall und etwas Süßlichem, wie verbrannte Elektronik, füllte ihre Nase. Sie schloss die Augen. Das Klingeln wurde lauter.
Dann hörte sie es.
Ein Atemzug. Nicht Orion. Nicht sie. Etwas, das neben ihnen stand. Sie öffnete die Augen.
Die Wand war nicht mehr dunkel. Sie war hell. Ein Gesicht formte sich, langsam, als würde es aus dem Nichts wachsen. Ein Mund. Ein Kinn. Zwei Augen, die direkt in ihre starrte. Kein Lächeln. Kein Ausdruck. Nur —
„Lysara.“
Die Stimme kam von dem Gesicht. Sie kam von der Wand. Sie kam von überall.
Lysara wich zurück, ihre Knie collidierten mit Orion. Sie spürte, wie er sich anspannte, als würde er sich auf etwas vorbereiten, das sie nicht sehen konnte.
„Du bist nicht die Einzige, die ihn gesehen hat“, sagte das Gesicht. „Aber du bist die Einzige, die wissen wollte.“
Lysara öffnete den Mund. Kein Ton kam heraus.
„Er hat Angst vor dir.“
Die Wand flackerte. Das Gesicht verschwand. Zurück blieb nur die Dunkelheit, die wie ein offener Mund aussah. Lysara spürte, wie etwas in ihr nach unten rutschte, etwas, das sie nicht halten konnte.
Dann — ein Klingeln. Nicht in den Ohren. In den Knochen.
Dein Fehler, Lysara.
Kapitel 4 — Szene 3: „Das, was nicht atmet“
Die Straße roch nach verbranntem Zucker und etwas, das Lysara nicht benennen konnte. Es kroch ihr in die Nase, blieb hängen, als wäre es mehr als Luft. Orion ging vor ihr, seine Schritte fest, ohne Eile. Seine Hände steckten in den Taschen seiner schwarzer Hose, die an den Knien abgenutzt war. Einmal, als Lysara aufschaute, sah sie, wie er die Finger spreizte, als würde er etwas abwehren, das unsichtbar war.
„Sie lässt uns nicht in Ruhe“, sagte er, ohne sich umzudrehen.
„Wer?“
Er drehte sich kurz, sein Gesicht war im Schatten, nur die Konturen sichtbar. „Die Stadt.“
Lysara blieb stehen. Die Straße war breit hier, die Wände glatt, ohne die verzerrten Gesichter, die sie in der Wohnung gesehen hatte. Sie strich mit den Fingerspitzen über die Oberfläche. Kalt. Gleichmäßig. Kein Atemzug. Kein Flackern.
„Die Wände atmen in deiner Wohnung“, sagte sie.
„Die Wände lügen.“ Er ging weiter, ließ sie zurück.
Lysara folgte ihm, aber langsamer. Sie beobachtete, wie die Wände sich veränderten, je näher sie kam. Nicht flackernd. Nicht atmend. Sondern —
exhaling.
Ein langsames Ausatmen, als würde die Wand sich selbst berichtigen. Lysara spürte es in ihren Lungen, ein falsches Ziehen, als würde sie es selbst tun. Sie presste die Hände gegen die Brust, als könnte sie so das Gefühl stoppen.
„Was ist das?“, flüsterte sie.
Orion blieb stehen. „Das ist das, was dir folgt.“
Die Wand hinter ihm flackerte. Ein Gesicht formte sich, schnell, als würde es sich verstecken. Ein Mund, halb offen. Zwei Augen, die sie direkt ansahen.
Dein Fehler, Lysara.
Die Stimme kam nicht aus der Wand. Sie kam aus Lysaras eigenen Gedanken, als hätte sie sie immer schon dort getragen, wie einen Stein in der Tasche, den sie nie bemerkt hatte.
Sie wich zurück, stolperte über den Bürgersteig. Orion fing sie auf, seine Hände an ihren Ellbogen, fest, aber nicht grob. „Du hast es schon mal gehört.“
„Ja.“
„Dann weißt du, was es bedeutet.“
Lysara schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nichts.“
Orion ließ sie los. „Gut. Dann hast du noch eine Chance.“
Die Wand flackerte wieder. Das Gesicht war verschwunden, ersetzt durch eine glatte Oberfläche, als wäre nichts passiert. Aber Lysara spürte es immer noch. In ihren Knochen. In ihrem Schädel. Wie ein Klingeln, das nicht aufhören würde.
Sie ging weiter, langsam. Orion blieb an ihrer Seite, aber er sprach nicht. Die Straße war leer, aber Lysara hatte das Gefühl, dass sie beobachtet wurde. Von überall. Von den Wänden. Von der Luft. Von etwas, das nicht atmen konnte, aber trotzdem da war.
Plötzlich blieb sie stehen.
Etwas hatte sich verändert. Die Luft war dicker geworden, als würde sie sich verformen. Lysara spürte es in ihren Ohren, in ihrer Kehle, als würde etwas versuchen, durch sie hindurchzukommen.
„Orion —“
Er drehte sich zu ihr um, sein Gesicht im Schatten. „Ich weiß.“
„Was ist das?“
„Die Stadt.“
Lysara schloss die Augen. Sie spürte, wie die Wände sich bewegten, nicht mit den Augen, sondern mit etwas Tieferem. Etwas, das sie nicht sehen konnte, aber das sie trotzdem fühlte.
Sie öffnete die Augen.
Die Wand vor ihr war nicht mehr glatt. Sie flackerte, langsam, wie ein Herzschlag, den niemand hörte. Und dann —
Ein Gesicht. Nicht wie die anderen. Nicht verzerrt. Nicht lügend.
Ein Gesicht, das sie kannte.
Ihre eigenen Hände gruben sich in ihre Oberschenkel. Die Nägel bohrten sich in die Haut, aber sie spürte es nicht. Sie konnte nur atmen.
„Lysara.“
Die Stimme kam von der Wand. Sie kam von ihr. Sie kam von überall.
Und dann wusste sie, was es bedeutete.
Es war kein Fehler.
Es war eine Einladung.