Die ersten Risse in der Landkarte — Clara trifft Lukas und begins, ihre Überzeugungen zu hinterfragen.
Die Kartographin der Sehnsucht – Kapitel 2, Szene 1
Der Eisenacher Marktplatz glänzte unter der Mittagssonne, die Kälte des Morgens war einer drückenden Schwüle gewichen. Clara Voss stand an der Balustrade des Ratskellers, die Landkarte in ihren Händen nicht mehr nur Werkzeug, sondern eine letzte Barriere gegen das, was sie heute umtreiben würde.
Lukas von Erlbach.
Sein Name brannte in ihrem Kopf wie ein falsch platzierter Punkt auf einer Karte. Die Vermieterin hatte ihn ihr genannt, ohne zu erklären, warum er wichtig war. Nur: Er kennt deine Landkarte. Und das war unmöglich. Niemand kannte ihre Landkarte außer ihr.
Ein Lachen, helle, fast boyische Stimmlage, durchdrang die Luft. Sie drehte sich um.
Lukas stand unter dem markanten Erker des Ratskellers, das Gesicht im Schatten, die Hände in den Taschen eines Stoffmantels, der zu weit und zu bunt war für Eisenach. Seine Haare – länger, als es sich gehörte, und leicht zerzaust – glänzten in der Sonne. Als hätte er sich nicht die Mühe gemacht, sie zu kämmen.
Clara spürte es sofort: die Art, wie er sie ansah, als wäre sie etwas, das er schon lange gesucht hatte. Und sie war es nicht.
Du bist zu ordentlich für das.
Frau Schmidts Stimme hallte in ihrem Kopf, schärfer als die des Händlers, der gerade seine Ware anpries.
„Sie sehen aus, als würden Sie gerade überlegen, ob Sie mir eine Frage stellen sollten“, sagte Lukas, ohne den Schritt zu ihr zu machen. „Oder ob Sie gehen sollten.“
Clara strich mit dem Daumen über die Konturen ihrer Landkarte. „Ich bin nicht sicher, dass ich eine Frage habe.“
Sein Lächeln wurde breiter, ein winziges Zucken der Mundwinkel. „Dann fragen Sie sich, ob ich eine habe.“
Das war nicht die Art von Konversation, die sie führte. Nicht in Eisenach. Nicht mit Kartographen oder Beamten. Nicht mit Männern, die wie er aussahen – als gehörten sie in eine Stadt, in der die Straßen sich nicht nach Maßen richteten.
„Was wissen Sie über meine Landkarte?“, fragte sie schließlich.
Er zuckte mit den Schultern, als wäre es das Offensichtlichste der Welt. „Dass Sie sie perfektionieren wollen. Dass etwas fehlt. Dass Sie es aber nicht benennen können.“
Clara erstarrte. Die Worte trafen zu nah an ihre eigenen Gedanken. „Wie können Sie das wissen?“
„Weil ich Sie beobachtet habe“, sagte er, trat nun einen Schritt näher. „Vor dem Ratskeller. Gestern. Sie standen da, die Feder in der Hand, und haben die Stadt gemessen, als wäre sie ein Fehler, den man beheben muss.“
Die Hitze in ihrem Nacken, das Pochen hinter den Schläfen – es war Wut. Es war Angst. Es war etwas, das sie nicht benennen konnte.
„Das ist kein Beobachten“, sagte sie. „Das ist Einbildung.“
Sein Lächeln wurde weicher, fast nachdenklich. „Oder Sie haben es selbst so gewollt, dass ich es bemerkt habe.“
Clara wollte gehen. Sie wollte die Landkarte zusammenrollen, ihre Sachen packen, den nächsten Zug nehmen – irgendwohin, wo niemand sie kannte, wo niemand wusste, dass etwas in ihr fehlte.
Aber dann sah sie, wie er sie ansah. Als wäre sie nicht nur ein Projekt, das er lösen wollte. Als wäre sie ein Rätsel, das er lieben musste, ohne die Antwort zu kennen.
Und das war es.
Das war das, was Frau Schmidt gemeint hatte. Das Abenteuer. Das Unordnung.
Clara legte die Landkarte auf die Balustrade. „Was schlagen Sie vor, dass ich tun soll?“
Lukas’ Augen blitzten auf. „Ich bringe Sie dorthin.“
Sie spürte es sofort – diese Anziehung, diese Unsicherheit, dieses Ja.
Und sie nahm seine Hand.
Kapitel 2 – Szene 1
Clara wachte auf, bevor die Kälte es konnte. Die Art, wie das Licht durch die Ritzen der Vorhänge kroch, war nicht das warme Licht Eisenachs, das sie kannte. Es war dünner, seitlicher. Als würde jemand einen Pinsel über die Welt ziehen, bevor sie erwachte.
Sie lag noch, bevor sie sich bewegte. Die Decke war zu schwer, aber sie rührte sich nicht. Irgendwo, unter den Dingen, die sie nicht sagte, war das Gefühl, dass sie heute etwas tun würde, das sie danach nicht mehr rückgängig machen konnte.
Die Tür zu ihrem Zimmer war geschlossen. Nicht abgeschlossen. Geschlossen.
Clara setzte sich auf. Die Federn im Bett quiekten, als hätten sie etwas zu sagen. Sie rubbelte sich über die Augen, aber das half nicht. Sie hatte zu viel geschlafen. Das war kein gutes Zeichen.
Sie stand auf. Die Kälte fraß sich in ihre Zehen. Sie zog Strümpfe an, aber ihre Hände zitterten, als sie die Socken anband. Nicht vor Kälte. Vor etwas anderem.
Sie ging zum Fenster. Die Stadt draußen war noch im Halbdunkel. Die Dächer, die sie so oft gezeichnet hatte, sahen heute anders aus. Als würden sie atmen.
Atmen.
Clara strich mit dem Finger über die Scheibe. Das Glas war kalt, aber ihre Hand war wärmer. Sie hatte gestern viel getrunken. Das war nicht wie sie.
Plötzlich klopfte es.
Ein leises Klopfen. Einmal. Dann eine Pause. Dann noch einmal.
Clara legte die Hand auf den Fensterrahmen. Das Holz war glatt, aber unter ihren Fingerspitzen spürte sie die feinen Risse, die sie nie bemerkt hatte.
Er ist da.
Sie ging zur Tür. Die Kette war noch dran. Sie ließ sie stecken.
"Wer ist da?"
"Lukas."
Seine Stimme war wie das Licht durch die Vorhänge – seitlich, mit Schatten, die sich bewegten, wenn man zu genau hinsah.
Clara atmete tief durch. Sie wollte nicht öffnen. Sie wollte ihn nicht sehen. Nicht jetzt. Nicht, wenn sie sich noch nicht sicher war, was sie tun wollte.
Aber dann hörte sie, wie er gegen die Tür drückte. Nicht hart. Nur genug, damit sie wusste, dass er da war.
"Clara," sagte er. "Lass mich rein."
Sie schloss die Augen. Sie wusste, was er wollte. Sie wusste, dass sie es ihm nicht geben durfte. Nicht heute. Nicht noch nicht.
Aber dann öffnete sie die Tür.
Er stand da, mit demselben Lächeln wie gestern. Dasselbe, das sie nicht deuten konnte. Dasselbe, das ihr das Gefühl gab, als würde sie etwas tun, das sie nicht mehr rückgängig machen konnte.
"Guten Morgen," sagte er.
Clara sagte nichts. Sie konnte nicht. Ihre Kehle war zu trocken.
Er trat näher. Zu nah. Sie roch seinen Mantel. Rauch. Kaffee. Etwas, das sie nicht benennen konnte.
"Du hast gestern nicht auf meine Nachricht geantwortet," sagte er.
Clara spürte, wie ihr die Wangen heiß wurden. Sie hatte die Nachricht nicht gelesen. Sie hatte sie gelöscht, bevor sie sie lesen konnte.
"Das tut mir leid," log sie.
Er lächelte. "Kein Problem."
Dann reichte er nach ihr.
Clara wich zurück. Sie wollte nicht, dass er sie berührte. Nicht heute. Nicht noch nicht.
Aber er ließ nicht los. Seine Finger umschlossen ihr Handgelenk, fest, aber nicht zu fest. Als würde er wissen, dass sie sich wehren wollte, aber nicht konnte.
"Lukas," sagte sie. Ihre Stimme war nur ein Flüstern.
"Komm mit mir," sagte er. "Ich bringe dich dorthin."
Clara spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie wollte Nein sagen. Sie wollte die Tür schließen. Sie wollte weggehen.
Aber sie sagte nichts. Sie ließ sich führen.
Als sie durch die Tür ging, schloss sich diese hinter ihr. Nicht von selbst. Sie war es, die sie schloss.
Und dann waren sie draußen.
Die Kälte traf sie wie ein Schlag. Sie blieb stehen, atemlos.
Lukas stand neben ihr. Er sagte nichts. Er musste nicht.
Clara blickte auf. Die Stadt war noch im Halbdunkel. Die Dächer, die sie so oft gezeichnet hatte, sahen heute anders aus. Als würden sie auf etwas warten.
Was dann?
Clara spürte, wie Lukas sie ansah. Sie wusste, dass er wusste, dass sie noch nicht bereit war. Dass sie noch nicht wusste, was sie tun wollte.
Aber sie wusste auch, dass sie heute den ersten Schritt getan hatte.
Und das war mehr, als sie gestern noch gekannt hatte.