← Der Atem der versunkenen Stadt
Chapter 2 Revised 1,730 Words

Das Flüstern der Steine — Leo beginnt, die Lücken in der offiziellen Geschichte Marxheims zu erkennen. Er trifft auf Bart und erfährt erste Andeutungen über die versunkenen Orte.

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Szene 1: Das Buch, das atmet

Die Bibliothek von Marxheim roch nach altem Papier, Schimmel und dem leisen Hauch von Wachs, das in den Fackeln zu Tränen zerfloss. Leo durchquerte den gewölbten Raum mit vorsichtigen Schritten, als würde das Steinpflaster unter seinen Sohlen nachgeben. Die Regale reichten bis zur Decke, übersät mit Staub, der in den Lichtkegeln der Fackeln zu tanzen schien. Hier und da blätterte eine Seite, als würde das Buch selbst atmen.

Bart stand am Ende des zentralen Gangs, die Hände in den Taschen seiner abgetragene Jacke vergraben. Sein Bart war strähnig, seine Augen dunkler als die Schatten zwischen den Büchern. Als Leo näher kam, hob er den Kopf und musterte ihn mit einer Mischung aus Neugier und Misstrauen.

„Du siehst aus, als hättest du etwas gesehen, das du nicht sehen solltest“, sagte Bart und strich sich über die Wange, als wolle er Staub wegwischen, der nicht da war.

Leo blieb stehen, die Finger um den Rand seines Mantels gekrallt. „Ich habe eine Linie gefunden. Auf der Karte. Eine, die nicht da sein sollte.“

Bart grinste, aber es war kein freundliches Lächeln. „Ah. Die Gasse der vergessenen Namen. Dein Vater hat sie dir aufgezwungen, oder?“

„Er hat gesagt, sie sei zu gerade.“ Leo zögerte. „Aber das ist nicht der Punkt.“

Bart trat einen Schritt näher, sein Blick bohrte sich in Leos Gesicht. „Was ist dann der Punkt?“

Leo holte tief Luft. „Die Linie… sie verschwindet. Wenn ich zu lange hinsehe.“

Bart lachte leise, aber es klang nicht amüsiert. „Natürlich tut sie das. Alles verschwindet hier. Irgendwann.“

Er drehte sich um und ging zu einem der seitlichen Regale, wo ein altes, in Leder gebundenes Buch zwischen den anderen stand. Es war dünner als die anderen, aber die Seiten schienen zu glühen, als Bart es herauszog. Leo spürte, wie ihm der Atem stockte.

„Das hier“, sagte Bart und klappte das Buch auf, „ist nicht in der offiziellen Bibliothek verzeichnet.“

Leo trat näher, die Hände leicht zitternd. Das Buch roch nach Moder und etwas Süßlichem, wie vergorener Wein. Die Seiten waren mit feinen, fast durchsichtigen Linien durchzogen – eine Karte, aber nicht wie die, die er kannte. Keine Straßen, keine Häuser, sondern Symbole, die sich wie Risse in der Realität ausnahmen.

„Was ist das?“, fragte Leo und streckte die Hand aus, ohne zu zögern.

Bart hielt das Buch fest. „Eine Karte der versunkenen Orte.“

„Versunken?“ „Die Stadt vergisst sie. Der Nebel frisst sie auf. Aber nicht ganz.“ Bart tippte mit dem Finger auf eine der Linien. „Manche Orte steigen wieder auf. Wenn man genau hinsieht.“

Leo spürte, wie sein Puls schneller wurde. „Und das hier… das ist offiziell?“

Bart schüttelte den Kopf. „Offiziell gibt es keine versunkenen Orte. Nur Straßen, Gassen, Plätze. Alles, was man sehen soll.“

Leo beugte sich vor, seine Finger nur Zentimeter von den Seiten entfernt. Plötzlich zuckte etwas in ihm – ein Kribbeln, als würde das Buch ihn berühren, ohne dass er es berührte. Er zuckte zurück, als hätte er eine heiße Herdplatte angefasst.

„Was zum—“

„Manche Bücher“, sagte Bart leise, „atmen.“

Leo starrte auf das Buch. „Was?“

Bart deutete auf die Seite. „Fühlst du es?“

Leo zögerte, dann legte er die Finger auf das Leder. Ein leises Summen durchfuhr ihn, als würde etwas unter seiner Haut vibrieren. Es war kein Geräusch, kein Tönen – es war, als würde das Buch sein Blut durchströmen.

„Was ist das?“, flüsterte Leo.

Bart grinste. „Das ist Marxheim. Nicht die Stadt, die sie dir zeigen. Die Stadt, die sie dir verstecken.“

Leo riss die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt. Das Summen blieb, aber es war jetzt schwächer, als würde es sich in ihn einschleichen, wie eine Erinnerung, die er nicht hatte.

„Das ist nicht möglich“, sagte er, aber seine Stimme klang unsicher.

Bart schloss das Buch langsam. „Doch. Und wenn du lange genug suchst, findest du mehr.“

Leo spürte, wie sich etwas in ihm regte – etwas, das er nicht kontrollieren konnte. Etwas, das hungrig war.

„Was willst du von mir?“, fragte er, aber er wusste nicht, ob er die Antwort hören wollte.

Bart lächelte. „Nichts. Ich zeige nur, was da ist. Der Rest…“ Er zuckte mit den Schultern. „Der Rest bleibt dir überlassen.“

Leo blickte auf das Buch, das nun still dalag, aber er spürte, wie es ihn beobachtete. Wie es ihn lockte. Wie es atmete.

Szene 2: Die Gasse, die nicht atmet

Die Gasse der vergessenen Namen war zu eng für seinen Körper, zu eng für seine Fragen. Leo presste sich an die feuchte Steinwand, die Haut unter dem Hemd kalt und klebrig wie die Rückseite einer Münze, die zu lange in der Tasche gelegen hat. Der Nebel kroch here wie ein lebendiges Ding, dick und schwer, und fraß die Konturen der Häuser. Oder verschluckte sie, dachte er, und der Gedanke brannte.

Die Linie. Immer noch da. Immer noch falsch.

Er hatte sie schon dreimal verlieren wollen – dreimal, bis er begriff, dass sie nicht verschwand. Sie wurde nicht gezeichnet. Sie war schon da, bevor die Tinte auf dem Papier trocken war, bevor die Stadt sie benannte, bevor die Magisterin sie ignorierte. Er strich mit dem Finger über den Riss in der Karte, als könnte er ihn so in den eigenen Hautrillen nachzeichnen, in die Linien der Hand, die ihn verrieten.

Was ist das für ein Ort?

Die Frage hing in der Luft, unsichtbar, aber er spürte sie. Die Gasse antwortete nicht. Sie atmete nicht. Die Steine waren stumm, die Schatten lagen flach wie zugefrorene Pfützen.

Oder sie warten.

Ein Geräusch. Nicht sein eigenes. Ein Kratzen, als würde jemand mit einem Nagel über Stein fahren, langsam, absichtlich. Leo erstarrte. Der Nebel zuckte, als hätte etwas ihn berührt – aber es gab nichts zu berühren. Keine Füße im Matsch, keine Schritte, nur das leise, ungeduldige Flüstern der Stadt, das sich weigerte, ihn zu ignorieren.

Du bist nicht der Erste, der hier steht.

Die Stimme war nicht da. Sie war in ihm, ein Hauch hinter den Ohren, ein Druck in den Schläfen, als würde jemand mit den Fingerspitzen seine Gedanken umdrehen. Leo presste die Augen zusammen, bis die Welt sich in schmerzhafte Punkte auflöste. Ein Traum. Ein Albtraum. Eine Halluzination.

„Wer…“, begann er, und seine Stimme brach. Kein Echo. Kein Antwort. Nur das Kratzen, das jetzt rhythmisch wurde, als würde jemand ein Muster in den Stein ritzen – ein Muster, das er kannte, ohne es je gesehen zu haben.

Plötzlich: ein Stein, der sich unter seiner Hand bewegte. Nicht rutschte. Nicht rollte. Atmete. Ein kaum merkliches Heben, ein Zittern, als würde etwas darin schlafen und sich jetzt regen, als würde etwas darin wollen. Leo riss die Finger zurück, als hätte er eine Schlange berührt. Der Stein blieb, regungslos. Der Nebel zuckte wieder, als würde er lachen.

Das Buch. Bart. Das, was nicht offiziell war.

Seine Hände zitterten. Er hatte das Buch berührt, und es hatte geatmet. Nicht mit der Lunge, nicht mit dem Mund – mit den Seiten, mit dem Leder, mit dem Papier, das sich wie Haut anfühlte, wenn man es umklammert. Es hatte ihn gespürt. Und jetzt?

Jetzt spürte er die Steine.

Er drängte sich tiefer in die Gasse, bis der Nebel seine Kleidung benetzte, bis die Kälte sich in seine Knochen fraß. Die Luft war schwer, als würde sie ihn von allen Seiten umschließen, als würde sie ihn atmen. Und dann, ganz plötzlich, hörte er es.

Stimmen.

Nicht menschlich. Nicht wie die Stimmen, die man in Tavernen hörte, nicht wie die Flüstertöne der Marktfrauen oder das Gebrüll der Handwerker. Diese Stimmen waren tief, als würden sie aus dem Boden kommen, aus den Fugen der Steine, aus den Rissen, die niemand sah. Sie formten keine Worte. Sie formten etwas. Etwas, das sich in seinem Kopf ausbreitete, als würde es ihn von innen heraus aushöhlen.

… versunken … … nicht gefunden … … die Linie …

Er presste die Hände gegen die Ohren, aber es nützte nichts. Die Stimmen drangen durch seine Finger, durch seine Knochen, durch das Blut, das ihm in den Adern pochte. Sie wussten, wo er war. Sie wussten, wonach er suchte. Sie wollten, dass er es fand.

Oder sie wollten, dass er verschwand.

„Nein“, flüsterte er. Seine Stimme war ein Fremdkörper in der Gasse, ein Lückenbüßer in der Stille, die plötzlich gebrochen war. „Ich bin hier, um—“

Die Steine lachten.

Es war kein Geräusch, es war eine Vibration, ein Zittern, das durch den Boden ging und seine Zähne zum Klappern brachte. Die Wand vor ihm blitzte auf, für einen Moment, als würde etwas in ihr glühen – ein Riss, ein Spalt, ein Atemzug. Und dann war es weg.

Leo taumelte zurück, die Hände immer noch an den Ohren, die Augen weit aufgerissen. Der Nebel wirbelte auf, als würde etwas ihn aufwirbeln, etwas, das nicht dort sein sollte. Etwas, das sie nicht sehen wollten.

Die Magisterin. Elara von Grau.

Der Name kam wie ein Schlag. Er hatte ihn nie laut ausgesprochen, aber jetzt war er da, in der Gasse, in den Stimmen, in den Steinen, die wussten.

Sie verbirgt etwas.

Sie lässt etwas verschlingen.

Und du?

Er wollte rennen. Er wollte weglaufen, zurück in die Bibliothek, zurück zu den Karten, die er kannte, zurück zu den Straßen, die offiziell waren. Aber seine Füße gehorchten nicht. Der Nebel umschloss seine Knöchel, als würde er ihn festhalten, als würde er wollen, dass er blieb.

Oder als würde er wollen, dass er fiel.

„Bart…“, murmelte er. Der Name war ein Anker, ein letzter Halt. „Bart, wenn du das siehst… wenn du das hörst…“

Die Stimmen wurden lauter. Nicht in seinen Ohren. In den Steinen. In den Rissen. In der Luft, die sich jetzt bewegte, als würde sie atmen.

… du suchst … … du findest … … aber sie wird es wissen …

Sein Atem brannte. Seine Lunge fühlte sich an, als würde sie in seinen Rippen zerbrechen. Der Nebel wurde dichter, und er begriff, dass er nicht mehr ging. Der Nebel ging. Er führte ihn. Oder er fraß ihn. Oder er wollte ihn.

Und dann, plötzlich, war da ein Riss.

Ein echter Riss. Ein Spalt in der Realität, der nicht verschwand, der nicht atmet, der nur war. Ein Strich, der sich in den Nebel fraß, als würde er ihn aufessen, als würde er ihn loben.

Leo streckte die Hand aus.

Die Stimmen verstummten.

Der Nebel erstarrte.

Und dann – ein Flüstern, so leise, dass er fast glaubte, es hätte er sich nur erinnert.

… sie kommen …

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