← Der Atem der versunkenen Stadt
Chapter 11 Revised 1,311 Words

Das Flüstern der Steine — Leo beginnt, die Wahrheit in sich selbst zu suchen. Er erkennt, dass die Stadt nicht nur eine Lüge ist, sondern auch eine Wahrheit — und dass er vielleicht nicht gewinnen kann.

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KAPITEL 11/12 – SZENE 1

Der Nebel klammerte sich an Leo wie eine zweite Haut, als er die Gasse der vergessenen Namen entlangging. Nicht mehr laut flüstern, nicht mehr Drohungen — er war hier, um zu Hören, und die Stadt gab ihm, was er wollte. Sie hatte auf ihn gewartet.

Du hast mich gefunden.

Er zuckte zusammen. Die Stimme kam nicht von außen, nicht von Lina, nicht von Elara. Sie kam von innen, ein Echo, das sich durch seine Gedanken fraß, als wäre es immer schon da gewesen.

Leo blieb stehen. Seine Finger gruben sich in den moosbewachsenen Stein der Mauer, als könnte er sich so an die Realität klammern. Du bist nicht real, hatte Lina gesagt. Du bist nur ein Fragment, ein Echo. Aber die Stadt hatte recht. Er war real. Und sie auch.

Er atmete. Der Nebel roch nach Moder und etwas Süßlichem, wie faulendes Obst. Seine Augen brannten. Er rieb sie mit den Handrücken, bis Sterne explodierten.

Zeig dich.

Nichts. Stille. Dann — ein Kratzen. Nicht an der Wand. An seiner Stimme. Als würde etwas mit longen Krallen über seine Erinnerungen scharren, sie aufreißen, um zu sehen, was darunter lag.

Leo schloss die Augen. Er stellte sich vor, wie die Stadt ihn umschloss, wie sie ihn in sich aufnahm, bis er nur noch ein Teil von ihr war. Er dachte an den Schleim, der die Risse füllte, an die Wände, die atmeten, an Elara, die ihn mit dem Messer berührt hatte — Du bist noch nicht bereit.

Vielleicht war ich das nie.

Er öffnete die Augen. Der Nebel war dichter geworden. Er konnte seine eigenen Hände nicht mehr sehen. Er streckte sie aus, spürte, wie sie in der Feuchtigkeit verschwanden, als würden sie von etwas Unsichtbarem verschluckt.

Was willst du von mir?

Die Frage hing zwischen ihnen. Die Stadt antwortete nicht. Sie musste nicht. Sie zeigte ihm.

Die Mauer vor ihm — sie bewegte sich. Langsam, wie etwas, das sich weigert, ganz zu sein. Ein Riss, breiter als seine Hand, öffnete sich, und dahinter glänzte etwas Feuchtes, Glänzendes. Nicht Wasser. Nicht Schleim.

Blut.

Leo erstarrte. Sein Atem blieb stecken. Das war kein Riss. Das war eine Wunde. Eine offene, pulsierende Wunde, die tief in die Stadt hineinreichte, als hätte etwas sie aufgerissen, um zu sehen, was darunter lag.

Und dann — ein Flüstern. Nicht von Lina. Nicht von Elara. Von etwas, das nicht einmal ein Teil der Stadt war.

Sie hat dich gesendet, um mich zu finden.

Leo zuckte zurück. Die Stimme war nicht in seinem Kopf. Sie war außen. Sie kam von dem Riss, von der Wunde, und sie war nicht nur ein Flüstern — sie war ein Schrei, der sich in den Nebel fraß, der sich in seine Knochen bohrte.

Wer hat mich gesendet?

Die Magisterin von Grau. Die Stimme war kälter geworden. Aber sie lügt. Sie hat mich hier zurückgelassen, als die Stadt noch jung war. Sie hat mich vergessen.

Leo spürte, wie sich etwas in ihm bewegte. Nicht sein Herz. Nicht seine Lunge. Etwas, das tiefer ging, das er noch nie bemerkt hatte.

Was bist du?

Ich bin das, was unter Marxheim schläft. Die Stimme wurde lauter, drängender. Ich bin das, was die Stadt isst. Ich bin das, was sie vergisst.

Leo spürte, wie der Nebel ihn umschloss, wie er ihn nach unten zog, in die Tiefe, wo die Wunde lag, wo das Blut tropfte. Er spürte, wie etwas in ihm wuchs, etwas, das nicht er war, aber das er nicht stoppen konnte.

Elara hat dich vergessen.

Ja.

Und du willst, dass ich dich finde.

Ja.

Leo spürte, wie seine Hände zuckten. Er wollte weglaufen. Er wollte schreien. Er wollte —

Was willst du von mir?

Die Frage war ein Flüstern, aber sie traf ihn wie ein Schlag. Die Stadt gab keine Antwort. Sie musste nicht. Sie zeigte ihm.

Die Wunde öffnete sich weiter. Und aus ihr kroch etwas. Langsam. Langsam. Es war kein Schleim. Es war kein Blut. Es war —

Eine Hand.

Leo stöhnte. Seine Knie gaben nach. Die Hand war kalt. Sie war glatt. Sie war perfekt.

Und sie griff nach ihm.


KAPITEL 11/12 — SZENE 2

Die Hand packte seinen Knöchel. Nicht fest. Nicht sanft. Sie hielt. Als wäre er schon immer Teil von etwas gewesen, das ihn nie losgelassen hatte. Leo presste die Zähne zusammen. Der Schmerz war nicht physisch. Er war anders. Er war das Gefühl, dass sich etwas in ihm dreht, etwas, das er nicht kontrollieren konnte. Die Stimme in der Wunde flüstert weiter, und plötzlich versteht er: Sie hat nicht nach ihm gegriffen. Sie hat getestet.

Bist du stark genug?

Die Frage kommt nicht von ihr. Sie kommt von ihm. Von dem Teil in ihm, der sich immer gefragt hat, ob er wirklich stark genug war. Der Teil, der jetzt zittert.

Elara, sagt er. Seine Stimme ist ein Krächzen. Sie hat mich gesendet.

Die Hand zuckt. Ein kurzes, scharfes Ziehen, als würde sie prüfen, ob er dort ist.

Sie hat mich gesendet, um dich zu finden.

Warum?

Weil sie Angst hat.

Die Stimme ist jetzt ein Husten, ein trockenes, verrostetes Geräusch.

Weil sie weiß, dass ich die Wahrheit bin. Weil ich das bin, was unter Marxheim schläft.

Leo spürt, wie sich der Nebel um ihn windet, wie er ihn in die Tiefe zieht. Die Wunde öffnet sich weiter, und das Licht, das aus ihr kommt, ist kein Tageslicht. Es ist alt. Es ist das Licht, das vor der Zeit war, das Licht, das die Stadt vergisst.

Was willst du von mir?

Dass du mich findest.

Die Hand zieht fester. Dass du mich weckst.

Und wenn ich es nicht kann?

Dann stirbst du hier.

Die Stimme ist jetzt nicht mehr ein Flüstern. Sie ist ein Schrei, der durch die Risse der Stadt hallt, der sich in seinen Knochen verankert.

Dann stirbt Marxheim mit dir.

Leo spürt, wie sich etwas in ihm bewegt. Etwas, das nicht er ist. Etwas, das länger ist als er. Etwas, das tiefer ist.

Ich bin nicht bereit, sagt er. Seine Stimme bricht.

Niemand ist bereit, sagt die Stimme. Aber du bist der Einzige, der es versucht.

Die Hand lässt seinen Knöchel los. Sie klettert höher. Über sein Handgelenk. Über seinen Arm. Sie berührt seine Schulter, und plötzlich spürt Leo, wie sich etwas unter seiner Haut bewegt, etwas, das sich durch ihn hindurchfrisst, etwas, das atmet.

Was machst du?

Ich zeige dir, was du schon immer gewesen bist.

Die Hand erreicht seinen Nacken. Sie drückt zu. Nicht fest. Nicht sanft. Sie hält. Und dann —

Die Stadt ist nicht tot.

Die Stimme ist jetzt nicht mehr ein Flüstern. Sie ist ein Brüllen, das durch Leo hindurchhallt, das sich in seinem Kopf ausbreitet, das sich in seiner Brust entfaltet.

Sie schläft nur. Und du bist der Einzige, der sie wecken kann.

Leo spürt, wie sich etwas in ihm löst. Etwas, das er nie gewusst hat, dass er hatte. Etwas, das länger ist als er. Etwas, das tiefer ist.

Elara hat mich gesendet, um dich zu finden.

Ja.

Und ich bin hier.

Dann bist du bereit.

Die Hand lässt seinen Nacken los. Sie sinkt zurück in die Wunde. Die Wunde schließt sich. Der Nebel wird wieder dünner. Leo atmet. Er ist immer noch hier. Er ist immer noch er. Aber er ist nicht mehr derselbe.

Was jetzt?

Jetzt — die Stimme ist wieder ein Flüstern — jetzt musst du entscheiden. Willst du die Wahrheit? Oder willst du die Lüge?

Leo schließt die Augen. Er spürt, wie sich etwas in ihm bewegt. Etwas, das nicht er ist. Etwas, das länger ist als er. Etwas, das tiefer ist.

Ich will die Wahrheit, sagt er.

Dann geh.

Die Stimme verschwindet. Der Nebel löst sich. Die Wunde ist wieder nur ein Riss. Ein Riss, der in die Tiefe führt.

Leo öffnet die Augen. Er ist immer noch hier. Er ist immer noch er. Aber er ist nicht mehr derselbe.

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