← Das Flüstern der verrotteten Rosen
Chapter 3 Revised 1,597 Words

Das Porträt der Lügen — Elara beginnt, die Wahrheit über ihre Familie zu begreifen, während sie in der Villa gefangen ist. Die Atmosphäre wird bedrückender.

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Kapitel 3 – Szene 1

Spiegel.

Elara stand in der Mitte des Raumes, umhüllt von kühlen, verzerrten Blicken, die sich wie ein Labyrinth aus Glas um sie schlossen. Die Wände waren vollständig mit Spiegeln tapeziert, jeder in einem anderen Goldton gerahmt, als hätte jemand sie mit den Augen von toten Adligen bestohlen. Sie atmeten nicht, aber sie beobachteten.

Ihr Atem beschlug die Oberfläche des nächstgelegenen Spiegels. Nein. Nicht jetzt. Die Stimme in ihrem Kopf war nicht ihre eigene, aber sie kannte sie zu gut – das Flüstern der Rosen, das ihr seit Wochen ins Ohr kroch. Seit sie das Tagebuch gefunden hatte, das sich selbst füllte.

Die Rosen blühen im Schatten…

Sie riss den Blick los, presste die Handflächen gegen ihre Schläfen. Konzentrier dich. Das Porträt ihres Vaters lag auf dem kleinen Tisch neben ihr, unter einer Glasplatte, als wäre es zu wertvoll, um es zu berühren. Doch sie wusste, dass es eine Lüge war. Glas konnte brechen.

Elara beugte sich vor, strich mit den Fingerspitzen über das Holz. Das Gesicht ihres Vaters lächelte sie an, die Augen so dunkel wie die Risse in den Wänden dieser Villa. Hier, irgendwo in diesem Lächeln, lag das Geheimnis. Nicht nur das, was sie bereits wusste – die Leere, die nach seinem Tod in der Villa zurückgeblieben war, die Art, wie ihre Mutter die Türen verriegelte, als fürchte sie, er könnte zurückkehren.

Oder als fürchte sie, er sei nie wirklich weg gewesen.

Ein Spiegel hinter ihr flackerte. Nicht wie Glas, das sich verschiebt – nein, wie ein Atemzug. Elara erstarrte. Halluzinationen, murmelte sie. Das ist alles. Aber ihre Hände zitterten trotzdem, als sie sich umdrehte.

Im Spiegel hinter ihr stand nicht sie.

Die Frau dort war jünger, das Haar zu zwei perfekten Zöpfen geflochten, die Augen weit aufgerissen, als hätte sie etwas Unfassbares gesehen. Und doch – es war ihr eigenes Gesicht. Fast. Die Lippen waren weiter, die Haut blasser, als hätte jemand die Farben mit einem Lappen getilgt. Und in ihren Händen hielt sie etwas: ein Buch, das nicht existierte, den Titel unleserlich, die Seiten schon von Moos überzogen.

Silas Dain, flüsterte eine Stimme, nicht aus dem Spiegel, sondern aus dem Nichts.

Elara riss sich los, stolperte rückwärts. Nein. Nein, nein, nein—

Ihre Finger krallten sich in den Saum ihres Kleides. Konzentration. Eines nach dem anderen. Sie zwang sich, zurück zum Porträt zu gehen, die Augen auf die Oberfläche gepresst, als könnte sie dort Antworten finden. Aber die Oberfläche war glatt, kalt. Nichts. Nur Holz und Farbe.

Dann – ein Kratzen.

Ein gerades, dünnes Kratzer im Holz, direkt unter dem Kinn ihres Vaters. Als hätte jemand mit einem Nagel hindurchgezogen. Elara beugte sich tiefer, bis ihre Nase fast das Glas berührte. Der Kratzer war nicht frisch. Er war alt, mit Staub gefüllt, als hätte er Jahrzehnte in der Dunkelheit gelegen.

Und dann sah sie es.

Im Spiegel über dem Porträt, den sie bisher ignoriert hatte, spiegelte sich nicht ihr Gesicht. Es spiegelte ihn.

Eine Gestalt, halb verborgen im Schatten, das Gesicht eine Maske aus Narben, die Augen – Gott, diese Augen – wie zwei Abgründe. Die Hände hingen locker an den Seiten, als warte er nur darauf, dass sie sich umdrehten. Silas Dain. Der Name brannte in ihrer Kehle wie Säure.

Du kennst ihn, hatte Mira gesagt. Du kennst ihn besser, als du denkst.

Elara zog das Porträt näher, als könnte sie es gegen den Spiegel pressen, als könnte sie die beiden Gesichter verschmelzen und das Geheimnis herauspressen. Was zum Teufel—?

Die Spiegel um sie herum begannen zu atmen.

Nicht alle. Einer. Zwei. Der, in dem Silas Dain stand. Die Luft vor dem Glas wellte sich, als würde etwas dahinter sich bewegen. Elara erstarrte. Das ist nicht möglich. Aber dann – ein Flackern. Ein Schatten, der sich hinter den Narben loste, als würde sich etwas darunter winden.

Die Karte.

Plötzlich wusste sie es. Nicht mit dem Verstand. Mit den Knochen. Die Karte war hier. Irgendwo in diesem Raum. In einem dieser Spiegel.

Sie strich mit den Fingerspitzen über die Rahmen, von links nach rechts, als könnte sie durch Berührung die Risse in der Realität finden. Komm schon. Zeig dich.

Dann – ein Klicken.

Einer der Spiegel, kleiner, in einer Ecke, neigte sich leicht nach vorne, als hätte er ein Geheimfach. Elara zögerte, dann griff sie zu, schob den Rahmen zur Seite. Dahinter, in einer feuchten, modrigen Vertiefung, lag ein Stück Papier, gelb und zerfetzt, als wäre es seit Jahren hier verborgen.

Die Karte der Villa.

Elara entfaltete sie mit zitternden Händen. Die Linien waren unvollständig, als hätte jemand sie mit Absicht weggeschnitten. Doch ein Raum war markiert – das Atelier – und daneben, in einer anderen Farbe, ein anderer Name: Silas Dain’s Kammer.

Seine Kammer.

Die Worte brannten in ihrem Kopf. Seine Kammer. Nicht ihr Vater. Nicht ihre Mutter. Er.

Er kommt, flüsterte es hinter ihr.

Elara wirbelte herum. Der Spiegel, in dem Silas Dain gestanden hatte, war leer. Kein Flackern. Keine Bewegung. Nur ihr eigenes, verzerrtes Gesicht, das sie anstarrte, die Augen weit aufgerissen, die Lippen blutleer.

Ich bin hier, sagte die Stimme. Nicht aus dem Spiegel. Nicht aus der Luft.

Aus dir.

Die Wände schlossen sich um sie ein. Die Spiegel wurden zu Zähnen. Und irgendwo, in den Tiefen der Villa, lachte etwas, das nicht aus dieser Welt war.

Elara presste die Hände gegen die Schläfen. Das ist nicht real. Das ist nicht—

Lügst du?

Die Frage kam von überall und nirgends. Sie öffnete den Mund, um zu schreien, aber ihre Kehle war zu trocken. Ich lüge nicht.

Doch.

Dann – Stille.

Elara blieb zurück, umgeben von leeren Spiegeln, die sie nicht mehr anlachten. Die Karte der Villa brannte in ihren Händen, und irgendwo, in den Schatten der Villa, wartete etwas, das ihren Namen kannte.

Und es würde nicht aufhören, bis sie es finden würde.


Szene 2 – Kapitel 3

Die Karte zitterte in Elaras Händen, als sie sich durch den Korridor arbeitete. Der Stein unter ihren Füßen war kalt, fast feucht, als würde die Villa ausatmen und sie mit sich ziehen. Die Wände waren mit moosigen Runen überzogen, die sich wie Finger in den Putz krallten. Ritualzeichen, dachte sie. Oder Warnungen.

Sie hatte die Karte nicht vollendet, aber genug, um die Lage der Kammer zu erkennen. Silas Dains Kammer. Der Name hing in ihrem Mund wie ein Fluch. Sie leckte sich über die Lippen – salzig. Angst, oder Schweiß. Oder beides.

Plötzlich knirschte etwas hinter ihr.

Elara erstarrte. Ihr Atem blieb stehen. Die Karte klebte an ihren Fingern, als würde sie sich weigern, losgelassen zu werden. Kein Wind. Kein Zug. Nur dieses Geräusch. Langsam drehte sie sich um.

Der Korridor war leer. Doch die Luft roch plötzlich nach verbranntem Eisen, als hätte jemand eine Kerze ausgeblasen, ohne sie zu löschen. Er kommt. Die Worte waren nicht in ihrem Kopf, aber sie wusste, sie waren für sie bestimmt.

Dann – Schritte.

Langsam. Bedächtig. Als würde jemand warten, dass sie sich umdreht.

Lukas.

Sein Schatten fiel vor sie, lang und verzerrt, bevor er überhaupt sichtbar wurde. Die Hände in den Taschen seiner abgewetzten Jacke, das Hemd über der Schulter hochgekrempelt, als hätte er gerade gearbeitet. Oder als hätte er sich versteckt.

„Du hättest nicht herkommen sollen“, sagte er.

Elara wollte antworten, aber ihre Zunge war wie Blei. Die Karte in ihrer Hand zitterte wieder.

Lukas trat näher, ohne sie zu berühren. Seine Augen waren zu dunkel, fast schwarz, als hätte er die Pupillen verloren. „Du spielst mit etwas, das dich fressen wird.“

Wie du. Die Worte lagen ihr auf der Zunge, aber sie biss sie zurück. Stattdessen: „Warum warnst du mich? Wenn du so viel weißt.“

Er zuckte mit den Schultern, aber seine Finger krallten sich in den Stoff seiner Jacke. „Weil ich weiß, was hier passiert, wenn du tiefer gehst.“

„Was passiert?“ Ihre Stimme war zu schrill, hallte von den Wänden wider. Sie senkte sie. „Wer bist du, Lukas?“

Er lachte, aber es klang nicht fröhlich. Es klang, als würde etwas in seiner Brust brechen. „Ich bin der Einzige, der dich hier rausbringt, bevor die Villa dich ganz verschluckt.“

Elara wollte protestieren, aber sein Blick – dieser Blick – ließ sie erstarren. Sie hatte ihn noch nie so gesehen. Nicht wie einen Diener. Nicht wie einen Lügner. Sondern wie jemanden, der ängstlich war.

„Sie lassen dich nicht gehen“, sagte er leise. „Und wenn du jetzt nicht gehst, lassen sie dich auch nicht.“

„Wer sind sie?“

Sein Atem ging schnell. „Deine Familie. Die, die dich hier festhält. Die, die dich festhält.“

Elara spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Clara Voss. Der Name, den Mira nicht aussprechen wollte. Der Name, der in den Tagebüchern stand, als wäre er ein Fluch. Sie.

„Du lügst“, flüsterte sie.

Lukas schüttelte den Kopf. „Ich lüge nicht. Ich warne dich.“

Hinter ihm, im Dunkel des Korridors, begann etwas zu kratzen. Langsam. Systematisch. Wie Krallen an Stein.

Elara riss die Karte fester an sich. „Was ist da unten?“

Lukas’ Augen weiteten sich. „Nichts, das du sehen solltest.“

„Dann sag mir, was ich tun soll.“

Er zögerte. Dann, mit einer plötzlichen, brutalen Bewegung, packte er ihren Arm. Nicht fest genug, um wehzutun. Fest genug, um sie zu zwingen, ihm in die Augen zu sehen.

„Lauf“, sagte er. „Bevor es zu spät ist.“

Dann ließ er sie los, und im nächsten Moment war er verschwunden – einfach so, als hätte er nie gestanden.

Elara blieb zurück, die Karte in der Hand, das Kratzen in den Wänden, das Lachen, das irgendwo in der Villa begann.

Und die Gewissheit, dass Lukas ihr etwas Wichtiges vorenthalten hatte.

Dass sie es auch wusste.

Dass sie bereits auf sie wartete.

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