← Das Flüstern der verrotteten Rosen
Chapter 2 Revised 1,559 Words

Die Stimme der Steine — Elara trifft auf Mira, die Malerin, und erfährt mehr über die Geschichte der Villa. Die Spannung zwischen Elara und der Villa eskaliert.

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Szene 1 – Das Atelier der Malerin

Die Tür knarrt, als Elara eintritt, doch sie rührt sie nicht. Sie öffnet sich von selbst. Ihre Finger krallen sich in den Stoff ihres Kleides, als sie die Schwelle überschreitet, die Luft schwer von Ölfarbe und etwas anderem – etwas Süßlichem, Fäulnisschwerem, das sich in ihre Nase bohrt. Rosen. Nicht lebendig, nicht frisch, sondern wie die, die man in Formaldehyd eingekocht hat, um sie für immer zu bewahren.

Das Atelier ist ein Raum, der sich weigert, stillzustehen. Ölgemälde hängen an den Wänden, unvollendet, die Pinselstriche zu hastig, als hätte jemand mitten in der Arbeit aufgegeben. Im Zentrum, auf dem Malertisch, liegt ein Tagebuch. Ihr Tagebuch. Das, das sie gestern im Salon gefunden hat, mit den Einträgen, die sich wie Finger in ihr Fleisch gruben. Die Seiten sind nicht mehr da, wo sie sie zurückgelassen hat. Stattdessen – neue. Etwas Neues, das sie nicht geschrieben hat. Die Tinte glänzt, als hätte sie sich erst vor Minuten in die Seiten gefressen.

„Die Rosen blühen im Schatten, und der Schatten frisst sie.“

Die Stimme kommt von hinten, leise, fast ein Hauch, der über ihre Haut streicht. Elara fährt herum. Da ist niemand. Nur die leere Staffelei, die Pinsel in den Gläsern, als würden sie auf etwas warten. Oder auf jemanden.

„Wer sagt das?“, ihre Stimme ist zu laut, zu abrupt, und sie hasst sich dafür. Sie drückt die Hände gegen die Schläfen, als könnte sie so das Flüstern herausdrücken, das sich schon in ihrem Kopf breitgemacht hat. „Ich bin hier. Ich lasse dich nicht gehen.“

Dann – eine Bewegung. Im Spiegel, der schief an der Wand hängt, sieht sie sie: eine Frau, Mitte Dreißig, mit dunklen Augen, die zu weit auseinanderstehen, als wären sie extra so gemalt worden, um Unbehagen zu wecken. Sie trägt ein Kleid, das aussieht, als wäre es aus Ruß und Seide gewebt, und in ihrer Hand hält sie einen Pinsel, als hätte sie gerade erst etwas gemalt.

Elara reißt den Blick los, wirft sich zur Seite, als die Frau lacht – ein Geräusch, das wie zerbrechendes Porzellan klingt. „Du bist schnell. Ich mag das.“ Die Stimme ist jetzt nah, direkt hinter ihrem Ohr, und Elara spürt, wie sich etwas in ihr zusammenzieht, eng, wie eine Faust, die sich um ihr Herz legt.

„Mira“, sagt sie, ohne sich umzudrehen. Sie kennt den Namen, hat ihn irgendwo aufgemalt gesehen, auf einem der Gemälde, die sie gestern durchstöbert hat. Eine Signatur, schief, als hätte die Hand gezittert. Oder als hätte sie sich geweigert, gerade zu schreiben.

„Du rennst vor mir davon“, sagt Mira, und ihre Schritte sind jetzt klar, zwei Personen, die den Raum durchqueren, zwei von ihnen. Elara dreht sich, aber da ist nur eine. Eine einzige Frau, die sie mit einem Blick mustert, als wäre sie etwas, das man unter dem Mikroskop betrachtet – interessant, aber nicht wirklich lebendig.

„Du bist das Tagebuch“, sagt Elara, und ihre Stimme bricht, weil sie nicht weiß, ob es eine Frage oder eine Feststellung ist. „Du hast es geschrieben.“

Mira lächelt, und das Licht fällt so auf ihr Gesicht, dass es aussieht, als würde es in ihr brennen. „Nicht ich. Sie.“ Sie deutet mit dem Pinsel auf die Wand, wo ein Gemälde hängt, halb verdeckt von einem Vorhang. Ein Porträt. Eine Frau, die Elara irgendwo schon einmal gesehen hat – oder geträumt. Ihr eigenes Gesicht, aber verzerrt, die Augen zu weit, der Mund zu weit, als würde sie in etwas lachen, das niemand sonst hören kann.

„Wer ist sie?“, fragt Elara, und ihre Hände zittern. Sie will das Gemälde berühren, will es von der Wand reißen, als könnte sie so die Wahrheit herausreißen, die sich darin versteckt. Aber sie traut sich nicht.

„Die, die vor dir hier war“, sagt Mira. „Die, die dort ist.“ Sie tippt sich gegen die Schläfe, und für einen Moment sieht Elara, wie sich die Haut unter ihren Fingerspitzen bewegt, als würde etwas darunter krabbeln.

Elara atmet schwer. „Und Silas Dain?“

Mira erstarrt. Die Luft wird dick, als hätte jemand den Sauerstoff aus dem Raum gesaugt. Dann – ein Lachen, kurz, hohl. „Ah. Du kennst den Namen.“ Sie tritt näher, so nah, dass Elara den Geruch von Terpentin und etwas Metallischem riecht, wie rohes Fleisch, das zu lange in der Sonne liegt. „Er ist nicht hier. Nicht mehr.“ Ihr Blick wandert zu den Fenstern, wo das Licht durch die Vorhänge sickert, als würde es sich durchkämpfen. „Aber er war.“

Elara will mehr fragen, will wissen, was er war, wer er war, warum sein Name sich wie ein Messer in ihr Gedächtnis gräbt. Aber Mira hebt eine Hand, und plötzlich ist da Stille, nicht nur in den Worten, sondern in der Villa selbst, als hätte sie den Atem angehalten.

„Komm“, sagt Mira, und ihre Stimme ist jetzt sanft, fast mütterlich. „Ich zeige dir, was sie gemalt hat. Vielleicht hilft dir das.“

Elara zögert. Sie weiß, dass sie nicht gehen sollte. Sie weiß, dass etwas hier nicht stimmt, dass die Wände atmen, dass die Gemälde sie beobachten. Aber sie kann nicht widerstehen. Nicht jetzt. Nicht, wenn Mira so nah ist, wenn ihre Augen so wissen – als hätte sie schon immer gewusst, dass Elara kommen würde.

Also folgt sie ihr, Schritt für Schritt, während die Villa um sie herum flüstert, während die Stimmen lauter werden, während etwas in ihr zerrt, das sie nicht festhalten kann.

Szene 2

Der Garten war kein Garten mehr. Nicht seit die Rosen angefangen hatten zu flüstern.

Elara stand unter dem Baldachin, wo sich die Ranken wie schmutzige Finger um die Säulen krallten. Die Luft roch nach Moder und etwas Süßlichem, das sich in ihre Nasenlöcher fraß, bis sie das Gefühl hatte, es würde drin wachsen. Ihre Hände zuckten, als würden sie von unsichtbaren Fäden gezogen. Nein. Nicht jetzt.

Doch die Stimme kam trotzdem.

„Die Rosen blühen im Schatten…“

Sie kannte diese Stimme nicht. Und doch kannte sie sie. Sie kroch ihr den Rücken hinunter, wie ein Schatten, der sich weigerte, Licht zu werden. Elara presste die Lippen zusammen, bis sie weiß wurden. Das ist nicht real. Das ist nicht—

„—nicht du, was?“ Eine Frauenstimme, sanft wie ein Messer, das über Knochen gleitet.

Elara wirbelte herum. Da stand sie: eine Frau in einem Kleid, das aussah, als wäre es aus Ruß und Mondlicht gewebt. Ihr Haar, schwarz wie verbrannte Tinte, hing ihr über die Schultern, als würde es nicht der Schwerkraft gehorchen. In ihren Händen hielt sie einen Pinsel, als wäre er ein extension ihres Arms, nicht nur ein Werkzeug.

„Mira“, sagte Elara. Es war keine Frage. Es war eine Feststellung. Eine Warnung.

Die Frau lächelte, und ihre Zähne waren zu weiß, zu gleichmäßig. „Du hast mich gesucht.“

„Nein“, log Elara. „Ich habe nur—“ Sie bricht ab, weil ihre Kehle sich zugeschnürt hatte. Was suchst du hier, Elara?

Mira trat näher, und mit ihr kam ein Geruch: verbrannte Kerzen und etwas, das nach Metall schmeckte, wie Blut, das zu lange in der Sonne lag. „Die Stimme“, sagte Mira. „Die, die dir sagt, du sollst nicht gehen.“ Sie beugte sich vor, als würde sie Elaras Gedanken lesen können. „Sie lügt. Sie will, dass du bleibst.“

Elara spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog, eng wie eine Faust, die sich um ihr Herz legte. „Wer lügt?“

„Die Villa“, sagte Mira. „Und du. Du lügst dir selbst die ganze Zeit vor, dass du hier gefangen bist. Aber in Wahrheit…“ Sie streckte die Hand aus, berührte Elaras Wange. Ihre Finger waren kalt, fast schon eisig. „…bist du es, die hier gefangen ist.“

Elara riss sich los, stolperte rückwärts. „Was redest du?“

Mira lachte, ein kurzes, hohles Geräusch, das durch den Garten hallte, als würde es von den Rosen selbst aufgefangen werden. „Komm“, sagte sie. „Ich zeige dir, was sie gesehen hat.“

Elara wollte nein sagen. Sie wollte laufen. Aber ihre Füße gehorchten nicht. Sie folgten Mira, Schritt für Schritt, während die Rosen um sie herum atmeten, als würden sie versuchen, ihre Stimmen zu schlucken.

Dann, zwischen den Büschen, etwas, das wie eine Statue aussah. Ein Mann, steinern, regungslos. Sein Gesicht war vertraut, zu vertraut. Mein Vater.

Elara erstarrte. „Das… das ist nicht—“

„—dein Vater“, beendete Mira den Satz. „Nein. Aber er war etwas für ihn.“ Sie trat näher, berührte die Statue mit dem Pinsel, als würde sie etwas abtasten. „Silas Dain. Der Name, den du flüstertest, als du dachtest, niemand würde es hören.“

Elara spürte, wie sich ihr Magen umdrehte. „Was hat er mit mir zu tun?“

Mira drehte sich zu ihr um, und für einen Moment war da etwas in ihren Augen, das Elara nicht benennen konnte. Etwas, das tiefer ging. „Er hat alles mit dir zu tun. Er war hier. In diesem Garten. In dieser Villa.“ Sie deutete auf die Rosen, die sich im Wind wiegten, als würden sie etwas flüstern, das sie nicht hören sollten. „Und er wird zurückkommen.“

„Nein“, sagte Elara, und ihre Stimme war nur noch ein Hauch. „Das ist nicht—“

„—wahr?“, beendete Mira. „Oder ist es nur eine Lüge, die du dir selbst erzählst?“ Sie trat noch näher, bis Elara den Geruch von Terpentin und etwas Metallischem in ihrer Nase hatte. „Vielleicht“, sagte Mira leise, „solltest du aufhören, vor dir selbst davonzulaufen.“

Elara wollte schreien. Sie wollte weinen. Sie wollte weg. Aber ihre Beine gehorchten nicht. Sie stand da, gefangen zwischen den Rosen, die flüsterten, und Mira, die wusste.

Und irgendwo, in der Ferne, begann etwas zu lachen.

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