Die Frau im schwimmenden Buchladen — Lena trifft Martha, die einzige Person, die ihre Gabe wirklich versteht – und sie warnt sie vor den Gefahren, die auf sie zukommen.
KAPITEL 4, SZENE 1 – Der schwimmende Buchladen
Die Spree stank nach Moder und fauligem Papier, als Lena die wackelige Holztreppe hinaufstieg. Das Boot knarrte unter ihren Schritten, als hätte es seit Jahrzehnten niemand mehr betreten. Kisten mit vergilbten Zeitungen, lose Blätter, die im Wind flatterten – alles so arrangiert, als hätte jemand versucht, ein Archiv in ein schwimmendes Grab zu verwandeln.
Martha saß in einer Ecke, die Beine unter einem Stapel Bücher, die wie ein schiefer Turm aufeinandergetürmt waren. Ihr Gesicht war von der Sonne gezeichnet, aber ihre Augen – die waren scharf, als hätte sie etwas gesehen, das andere nicht sahen. Sie hob den Kopf, als Lena eintrat, ohne aufzustehen.
„Du bist spät dran.“ Keine Frage. Eine Feststellung.
Lena blieb stehen, die Hände in den Taschen ihrer Jacke vergraben. „Ich war in der Bibliothek.“
„Natürlich.“ Martha blätterte in einem Buch, so alt, dass die Seiten sich wie Perlmutt anfühlten. „Suchst du wieder etwas, das du nicht finden solltest?“
Lena wollte antworten, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Stattdessen spürte sie es wieder – dieses Kribbeln unter der Haut, als würde jemand sie beobachten. Nicht mit den Augen. Mit etwas Tieferem.
Martha legte das Buch zur Seite. „Du trägst sie wieder mit dir.“
„Was?“
„Die Erinnerungen. Die Messer.“ Sie grinste, aber es war kein freundliches Grinsen. „Du denkst, du kannst sie verstecken, aber sie stecken in dir wie Splitter. Und eines Tages wirst du sie rausholen müssen.“
Lena presste die Lippen zusammen. „Ich will nicht—“
„Doch.“ Martha unterbrach sie, bevor sie weiterreden konnte. „Du lügst dich selbst an, genau wie alle anderen.“ Sie stand auf, langsam, als würde sie jeden Schritt abwägen. „Aber du bist hier, weil du mich brauchst. Nicht wegen des Aufstands. Sondern weil du weißt, dass ich dich verstehe.“
Lena wollte widersprechen, aber dann sah sie es – dieses Zittern in Marthas Händen, das nicht von ihr selbst stammte. Es war eine Erinnerung, eine, die nicht ihre eigene war.
„Du trägst sie auch.“
Martha lachte, aber es klang nicht fröhlich. „Ich trage mehr als nur Erinnerungen. Ich trage die Last derer, die nicht mehr da sind.“ Sie setzte sich wieder, aber ihre Augen blieben auf Lena gerichtet. „Aber du… du bist anders. Du bist die, die sie alle suchen.“
Lena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Wer sucht mich?“
„Die, die die Geschichte umschreiben wollen.“ Martha zögerte, dann fügte sie hinzu: „Ringel.“
Lena erstarrte. Der Name brannte wie ein Messer in ihrer Brust.
Martha beugte sich vor. „Er ist nicht der Einzige, der nach dir sucht. Aber er ist der, der dich am meisten braucht. Weil du die einzige bist, die die Erinnerungen fühlt – nicht nur hört.“
Lena wollte weggehen, aber ihre Füße blieben stehen. „Was soll ich tun?“
Martha schwieg einen Moment, dann griff sie nach einem alten Tagebuch, das zwischen den Büchern lag. „Dieses hier. Es gehört einer Frau, die 1918 in Neukölln gelebt hat. Sie hat alles aufgeschrieben – die Lügen, den Mord, die… Spiele.“
Lena nahm das Tagebuch, aber als sie es berührte, zuckte sie zusammen. Die Seiten waren kalt, als hätte jemand sie gerade erst aus einem Grab gezogen.
„Du wirst es lesen“, sagte Martha. „Und dann wirst du verstehen, warum sie alle umgebracht wurden.“
Lena blätterte vorsichtig, aber die Worte verschwammen vor ihren Augen. Sie spürte es – diese fremde Stimme, die sie rief, die ihr sagte, dass sie nicht allein war.
Martha lehnte sich zurück, als hätte sie genug gesprochen. „Du hast zwei Tage. Dann kommt er.“
Lena schloss die Augen. „Wer?“
„Ringel.“ Martha lächelte. „Und ich fürchte, er wird nicht allein sein.“
KAPITEL 4, SZENE 2 – „DIE MESSERSCHARFE KLINGE DER ERINNERUNG“
Die Wohnung roch nach altem Papier und etwas Süßlichem, das wie vergorene Trauben schmeckte. Lena stand in der Tür, die Hände immer noch in den Taschen, und musterte die Fotos an der Wand – Gesichter, die sie nicht kannte, aber die sie trotzdem zu kennen glaubte. Sie gehörte nicht hierher. Sie gehörte nirgendwohin.
Martha hing an der Kaffeekanne, die sie mit zitternden Händen füllte. „Du siehst aus, als hättest du gerade einen Leichnam angefasst. Oder einen lebendigen.“
Lena zuckte zusammen. „Ich hab nichts angefasst.“
„Doch.“ Martha drehte sich langsam um, das Kaffeeglas in der Hand. „Du trägst es in dir. Das ist schlimmer.“
Die Luft zwischen ihnen wurde schwer, als würde sie von unsichtbaren Händen gedrückt. Lena spürte es in den Rippen, dieses Ziehen, als würde etwas in ihr wachsen, das nicht ihr gehörte. Sie wollte es wegschieben, aber ihre Finger gehorchten nicht.
Martha stellte das Glas ab und griff nach einem Buch, das auf dem Tisch lag. Es war dünn, mit einer ledernen Einband, die an den Rändern aufgebrochen war wie morsches Holz. „Dieses hier“, sagte sie, „gehört einer Frau, die 1918 in Neukölln gelebt hat. Sie hat alles aufgeschrieben. Die Lügen. Den Mord. Die Spiele.“
Lena streckte die Hand aus, aber als ihre Finger die Seite berührten, zuckte sie zurück, als hätte sie sich verbrannt. Die Tinte war nicht wie Tinte. Sie war wie Haut, wie Narben, die sich in ihre eigene Haut fraßen.
„Es ist gefährlich“, warnte Martha. „Wenn du es liest, wirst du etwas zurücklassen. Etwas, das du nie wiederbekommst.“
Lena starrte auf das Buch, als könnte sie es so zurück in Marthas Hände schieben, ohne es je berührt zu haben. „Was?“
„Deine Stille.“ Martha lächelte, aber es war kein Lächeln. Es war ein Messer, das sie in Lenas Bauch rammte. „Bis jetzt hast du die Erinnerungen nur gehört. Aber wenn du dieses Buch liest, wirst du sie fühlen. Und dann gibt es kein Verstecken mehr.“
Lena spürte, wie sich ihre Kehle zusammenzog. Sie wollte schreien, aber ihre Stimme blieb ihr im Hals stecken, als würde sie von etwas erstickt, das nicht da war. „Warum tust du das?“
Martha seufzte, als hätte sie diese Frage schon zu oft gehört. „Weil du es wissen musst. Weil sie alle umgebracht wurden, damit niemand es weiß. Und weil du die Einzige bist, die es noch können würde.“
Lena atmete tief ein, aber die Luft schmeckte nach Metall. „Wer? Wer wurde umgebracht?“
„Die, die die Wahrheit kannten.“ Martha beugte sich vor, ihre Stimme ein Flüstern, das Lena direkt in die Ohren traf. „Und die, die die Erinnerungen tragen. Wie du.“
Lena wollte das Buch wegwerfen, aber ihre Hand blieb an der Seite kleben, als wäre es mit etwas warmem, feuchtem Stoff verklebt. Sie spürte es jetzt – diese andere Frau, die in den Seiten lebte, die sie rief, die ihr sagte, dass sie nicht allein war.
„Du hast zwei Tage“, sagte Martha, als hätte sie Lenas Gedanken gelesen. „Dann kommt er.“
Lena schloss die Augen, aber hinter ihren Lidern sah sie nicht Dunkelheit. Sie sah Schüsse. Sie sah eine Fahne, die im Wind wehte, und Männer, die stumm auf die Straße fielen. Sie spürte den Boden unter ihren Füßen, hart und kalt, und das Blut, das ihr an den Händen klebte.
„Wer kommt?“, fragte sie, aber ihre Stimme war nicht ihre eigene.
Martha legte eine Hand auf ihre Schulter, und für einen Moment war da Wärme. „Ringel. Und ich fürchte, er wird nicht allein sein.“
Lena riss das Buch auf, und die Seiten flatterten wie Flügel, als würden sie sich wehren. Die Tinte kroch über das Papier, formte sich zu Worten, die sie noch nicht lesen konnte, aber die sie trotzdem verstand.
Sie haben sie alle umgebracht.
Die, die es wussten.
Und dann, als würde die Welt um sie herum aufhören, die Frau aus dem Tagebuch zu atmen, spürte Lena, wie etwas in ihr zerbrach.