← Die messerscharfe Klinge der Erinnerung
Chapter 3 Revised 1,578 Words

Der Journalist und die Lüge der Paraden — Kai enthüllt mehr über seinen eigenen Hintergrund und seine Verbindung zu Lenas Geschichte, während er versucht, sie zu beschützen.

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Szene 1 – Das Käfighaus in Kreuzberg

Der Hinterhof stank nach verbranntem Kaffee und altem Rauch, der sich in den Ritzen der Backsteinwand festgebissen hatte. Kai schob sich durch die Tür, die wie ein zahnloses Maul in der Wand klappte, und blieb stehen. Drinnen hing ein Schwarm von Stimmen, gedämpft, aber scharf – wie Klingen, die aneinander geschlagen wurden. Er lauschte. Die Männer am Tisch neben dem Ofen sprachen von Points, von Spielregeln, die hier anders waren als überall sonst.

„Die Propaganda hat immer alles im Griff. Aber manchmal reißt etwas.“

Er kannte die Stimme nicht, aber er kannte den Ton. Das war der Moment, in dem einer von ihnen zu viel sagte. Kai setzte sich nicht zu ihnen. Er blieb an der Wand, die Hände in den Taschen seiner Jacke, und beobachtete, wie der Rauch sich über ihren Köpfen kräuselte, als würde er etwas verschlucken, das er nicht sollte.

Einer von ihnen, ein Mann mit Narben über den Knöcheln, schob ein Blatt Papier rüber. Kai bückte sich, nahm es, ohne es anzufassen. Die Schrift war krakelig, wie mit zitternder Hand geschrieben. „Die Spiele. Alles perfekt. Aber die Jungs aus Neukölln… die haben was gesehen. Nicht nur Übungen.“

Er faltete das Blatt, steckte es ein. Sein Mund war trocken. Die Jungs aus Neukölln. Immer die Jungs aus Neukölln.

„Und die Archivarin?“

Die Stimme kam von der Tür. Kai erstarrte. Zu spät. Sie hatten ihn bemerkt. Drei Paare Augen, alle auf ihn gerichtet.

„Was soll mit ihr sein?“

Der mit den Narben grinste, aber es war kein Lächeln. „Sie hört was. Nicht nur Geräusche. Sie hört… Erinnerungen.“

Kai spürte, wie sich seine Muskeln anspannten. „Das ist kein Thema für euch.“

„Doch.“ Der andere, der an der Ofenkante lehnte, zündete sich eine Zigarette an. „Weil sie weiß. Oder weil sie gleich wissen wird.“

Er wollte gehen. Jetzt. Aber die Tür war zu nah, und sie blockierten den Weg. Die Luft wurde schwer, als würde sie ihn festhalten.

„Ringel sucht sie.“

Die Worte hingen zwischen ihnen, wie ein Funke in der Dunkelheit. Kai spürte, wie etwas in ihm zuckte – nicht Furcht, nicht Wut, sondern etwas Kälteres. Etwas, das er schon lange kannte.

„Und du?“

Er musste nicht fragen. Sie wussten es. Jeder hier wusste, dass er sie brauchte. Dass er sie brauchte, ohne zu wissen, warum.

Er wollte etwas sagen, aber die Worte blieben ihm im Hals stecken. Nur Stille. Dann, plötzlich, das Knacken der Tür, als würde sie von unsichtbaren Händen aufgestoßen.

„Lena.“

Die Stimme war nicht laut, aber sie durchdrang alles. Kai drehte sich um. Die Tür war zu. Kein Wind. Keine Bewegung. Nur dieses eine Wort, das in der Luft hing, als würde es ihn an etwas festhalten, das er nicht sehen konnte.

Er atmete tief ein. Die Erinnerung an sie brannte hinter seinen Augen. Nicht ihr Gesicht, nicht ihre Stimme – etwas Tieferes. Etwas, das er nicht benennen konnte, aber das ihn jetzt, in diesem Moment, zwang, eine Entscheidung zu treffen.

Er ging zur Tür. Seine Hand berührte das kalte Metall der Klinke. Irgendwo in der Ferne, hinter den Mauern der Stadt, heulten Sirenen. Die Spiele würden beginnen. Und er wusste, dass er zu spät war. Zu spät, um wegzulaufen. Zu spät, um so zu tun, als wäre nichts.

Er öffnete die Tür. Die Kälte schlug ihm entgegen. Berlin roch nach Ruß und Metall. Und irgendwo, in diesem Labyrinth aus Steinen und Lügen, wartete sie auf ihn.


Szene 2

Die Luft im Park war dick, beladen mit dem Geruch von nassem Holz und verbranntem Metall. Lena stand regungslos unter der Laterne, die Hände in den Taschen ihrer Jacke vergraben. Die Kälte kroch durch den Stoff, aber sie spürte sie kaum. Ihr Blick fiel auf den Boden, wo ein Blatt Papier im Wind lag, zerrissen, als hätte jemand es eilig gehabt, es loszuwerden. Sie bückte sich, hob es auf. Die Schrift war unleserlich, nur ein paar Buchstaben klumpig zusammengeklebt: „Sie haben sie alle…“

„Lena.“

Die Stimme kam von links, tief und rau, als würde sie aus einem alten Schacht aufsteigen. Sie zuckte zusammen, die Finger verkrampften sich um das Papier. Langsam drehte sie sich um. Kai lehnte an einer Eiche, die Arme verschränkt, das Gesicht im Halbdunkel. Sein Mantel hing schlaff an den Schultern, als trüge er etwas, das er nicht loswurde.

„Du hättest gehen sollen.“

„Ich bin nicht wie du.“ Ihre Stimme klang fremd, als gehöre sie jemand anderem. „Ich fliehe nicht.“

Er schob sich von der Eiche ab, trat näher, ohne sie zu berühren. „Das ist das Problem.“ Seine Augen suchten ihr Gesicht, als wollte er dort etwas lesen, das sie ihm verweigerte. „Du bleibst. Du suchst. Und das macht dich gefährlich.“

Sie wollte etwas erwidern, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. In ihrer Brust pulste es, nicht ihr Herz, sondern etwas anderes – etwas, das sie nicht kontrollieren konnte. Die Erinnerung an das Blatt Papier, an die krakelige Schrift, fraß sich in ihre Haut, als würde sie von innen nach außen brennen.

„Dr. Ringel sucht dich.“

Die Worte trafen sie wie ein Schlag. Sie spürte, wie sich ihre Muskeln anspannten, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen.

„Er ist nicht real.“

Ihre Stimme war ein Husten, ein Krächzen. Kai trat noch einen Schritt näher.

„Doch.“ Er streckte die Hand aus, berührte ihre Wange, so leicht, dass sie es kaum spürte. „Er ist überall. In den Wänden. In den Papieren. In den Träumen der Leute.“

Seine Finger glitten über ihre Haut, und für einen Moment schloss sie die Augen. Es war nicht ihre Haut, die er berührte, sondern eine andere. Eine, die sie nicht kannte.

„Mein Vater…“

Die Stimme brach ab. Kai zog die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt. Seine Augen waren weit aufgerissen, als würde er etwas sehen, das nur er sah.

„Er war einer von ihnen.“

Er atmete tief ein, als würde er sich an etwas erinnern, das er längst hatte vergessen wollen.

„1918. Neukölln. Sie haben gesagt, es war nur eine Übung. Ein paar Schüsse. Ein paar Tote. Nichts, worüber man reden musste.“

Lena spürte, wie sich etwas in ihr bewegte, etwas, das sich wie ein Schatten an ihre Rippen presste.

„Und dann?“

„Dann haben sie sie alle umgebracht.“ Kai schloss die Augen, als würde er die Worte zurückhalten, die in ihm aufsteigen wollten. „Die, die es wussten. Die, die gesehen haben, was wirklich passiert ist.“

Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen, aber sie blinzelte sie weg.

„Und du?“

„Ich bin der Letzte.“ Seine Stimme war ein Flüstern, fast ein Stöhnen. „Oder fast.“

Er öffnete die Augen, und in ihnen lag etwas, das sie nicht deuten konnte – nicht Trauer, nicht Wut, sondern etwas, das tief in ihr nachhallte, als wäre es schon immer dort gewesen.

„Ringel weiß es.“

Lena spürte, wie sich etwas in ihr drehte, wie ein Messer, das sie langsam aufschlitzte.

„Er sucht dich, weil ich es weiß.“

Kai schüttelte den Kopf.

„Nein. Er sucht dich, weil du es fühlst.“ Er trat noch einen Schritt näher, sein Atem streifte ihre Wange. „Weil du die Erinnerungen der anderen trägst, als wären es deine eigenen.“

Sie wollte zurückweichen, aber sie konnte nicht. Seine Hand fand ihre, und für einen Moment war es, als würde sie nicht mehr Lena sein, sondern jemand anderes, jemand, der schon lange auf diesen Moment gewartet hatte.

„Lena…“

Die Stimme war nicht mehr seine. Es war die Stimme von irgendwoher, eine Stimme, die sie kannte, ohne sie je gehört zu haben. Sie spürte, wie sich etwas in ihr löste, etwas, das sie jahrelang hatte unterdrücken wollen.

„Ich bin hier.“

Sie öffnete die Augen. Kai stand noch immer vor ihr, aber sein Gesicht war verschwommen, als würde er hinter einer Glaswand stehen. Die Laterne über ihnen flackerte, und für einen Moment sah sie etwas anderes – eine Fahne, rot und schwarz, die im Wind wehte, Schüsse, die in die Nacht rissen, Stille, die alles verschlang.

„Sie haben sie alle umgebracht.“

Die Worte hallten in ihr nach, als würden sie aus einer anderen Zeit kommen. Sie spürte, wie sich etwas in ihr regte, etwas, das sie nicht mehr zurückhalten konnte.

Kai ließ ihre Hand los. Seine Augen waren dunkel, fast schwarz.

„Du musst mir helfen.“

„Nein.“

Die Stimme kam von ihr, aber sie gehörte nicht ihr. Sie gehörte der Frau, die im Jahr 1918 gestorben war, mit einer Fahne in der Hand und den Schüssen im Rücken.

„Du musst.“

Kai trat einen Schritt zurück, als würde er sich vor ihr fürchten.

„Ich weiß, was er vorhat.“

Lena spürte, wie sich etwas in ihr bewegte, etwas, das sie nicht mehr aufhalten konnte.

„Dann geh.“

„Ich kann nicht.“

Die Sirenen heulten in der Ferne, aber hier, in diesem Park, war es still. Zu still. Die Luft war schwer, als würde sie jeden Moment über ihnen zusammenbrechen.

„Lena…“

Sie spürte, wie sich seine Hand wieder auf ihre Wange legte, aber diesmal war es nicht er. Es war die Frau mit der Fahne, die ihre Hand ausstreckte, die sie bat, nicht wegzulassen.

„Bitte.“

Die Tränen brannten in ihren Augen, aber sie weinte nicht. Sie spürte nur, wie sich etwas in ihr löste, etwas, das sie nie wieder zurückbekommen würde.

„Ich bin hier.“

Die Worte hallten in ihr nach, als würden sie aus einer anderen Zeit kommen. Sie spürte, wie sich etwas in ihr regte, etwas, das sie nicht mehr aufhalten konnte.

„Lena…“

Die Stimme war nicht mehr seine. Es war die Stimme der Frau mit der Fahne, die ihr sagte, dass sie nicht allein war.

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