Die Stille zwischen den Büchern — Elsa wird in ihrer intellektuellen Isolation gezeigt, während sie mit der Erwartung kämpft, ihre Dissertation zu vollenden, bevor ihre Zeit in der Universität abläuft.
Die Knochen der Mondgöttin Kapitel 1, Szene 1
Die Kerze flackerte, als Elsa das Manuskript aufschlug. Ihre Finger glitten über die vergilbten Seiten, als könnten sie das Papier zu Staub zerreiben. Alchemistische Experimente zur Erlangung unsterblicher Substanzen – ein Titel, der ihr schon beim Lesen der Inhaltsverzeichnisse Übelkeit auslöste. Sie blies den Rauch ihrer Pfeife zur Seite, wo er sich mit dem Staub der Bibliothek zu grauen Schwaden vereinte. Dies hier war kein Wissen. Es war der Gestank von Irrtum.
Ihr Zimmer roch nach altem Papier, Ledereinband und dem leisen Moder der Eiche, aus der die Regale gezimmert waren. Die Fensterläden waren geschlossen – nicht, weil es kalt gewesen wäre, sondern weil die Sonne zu hell brannte, als wäre sie eine Fackel, die die Schatten unter den Betten und hinter den Vorhängen verbrannte. Draußen, in der Stadt, lärmten die Fuhrwerke, doch hier oben, im dritten Stock, wo die Dächer sich wie ein verrottetes Gewölbe über die Gassen wölbten, war es still. Zu still.
Elsa strich mit dem Daumen über die Notiz am Rand einer Seite: Die Mondgöttin trinkt das Blut der Unschuldigen und hinterlässt Knochen, die im Schatten singen. Sie kniff die Augen zusammen, als könnte das Wort Mondgöttin durch Willenskraft verschwinden. Doch es blieb, schwarz wie Tinte auf Pergament, hartnäckiger als ein Fleck auf einem Ärmel.
Abergläubischer Unsinn.
Sie hatte diese Notiz schon einmal gesehen. Vor Jahren, in der Bibliothek der Universität, zwischen den Seiten eines Traktats über Astralprojektion. Damals hatte sie sie mit einem Schnauben zur Seite gelegt, als wäre es eine Beleidigung, die man einem Hund an den Kopf wirft. Doch jetzt, wo sie hier saß, mit dem Gewicht der unvollendeten Dissertation auf den Knien, der Frist, die wie ein Messer in ihre Wirbelsäule drang, kroch etwas in ihr hoch. Nicht Neugier – nein, Neugier war zu sanft für das, was sich in ihr regte. Es war etwas Ähnliches wie Hunger, aber ohne den Trost, dass man es stillen konnte.
Sie blätterte weiter, die Feder in der Hand, bereit, Notizen zu machen – rationale, wissenschaftliche Notizen –, doch ihre Hand zitterte, als sie die nächste Notiz las: Wenn der Mond blutet, erwacht sie.
Blutet.
Elsa lehnte sich zurück, die Feder rutschte aus ihrer Hand und rollte über den Tisch, bis sie mit einem leisen Klack gegen die Kerze stieß. Das Wachs tropfte, ein schwarzer Fleck breitete sich auf dem Holz aus, wie eine Wunde, die sich weigerte zu heilen.
Sie hatte lange genug mit Spuk zu tun gehabt, um zu wissen, dass es keinen Spuk gab. Nur Menschen. Nur Lügen. Die Mondgöttin war eine Erfindung, ein Werkzeug der Macht, eine Geschichte, die man Kindern erzählte, um sie ruhig zu halten, während die Erwachsenen im Schatten ihre eigenen Spiele spielten.
Und doch.
Elsa stand auf, ging zum Fenster und zog den Vorhang einen Spalt auf. Draußen hing der Mond wie eine bleiche, abgenagte Scheibe am Himmel, fast unsichtbar unter den Wolken. Sie hasste ihn. Immer hatte sie ihn gehasst, seit sie als Kind im Garten gestanden und den meisten Mondfinsternissen ferngeblieben war, weil ihre Mutter gesagt hatte: Wenn die Mondgöttin erwacht, nimmt sie sich, was ihr gehört. (Als ob sie etwas besäße.)
Unsinn.
Sie schloss das Fenster, die Kälte kroch ihr unter das Hemd, doch sie spürte sie kaum. Ihre Hände waren eiskalt, aber das war nicht die Kälte von draußen. Es war die Kälte, die von innen kam, wenn man zu lange in der Finsternis saß und sich einredete, es gäbe keine Finsternis.
Die Kerze brannte nieder. Elsa löschte sie mit den Fingern, die Funken sprühten wie kleine, verzweifelte Sterne. Dann nahm sie das Manuskript, stopfte es in eine Tasche und ging zur Tür. Sie würde es verbrennen. Oder in die Bibliothek zurückbringen. Irgendwohin, wo es hingehörte – in den Abgrund der Vergessenheit.
Doch als sie die Hand auf die Klinke legte, stockte sie.
Lena.
Das war ein Name, den sie nicht denken durfte. Nicht hier. Nicht jetzt. Nicht in diesem Zimmer, wo die Wände zu eng waren und die Luft nach altem Rauch und etwas anderem roch – etwas, das sie nicht benennen konnte, das aber in ihren Träumen lauerte.
Sie atmete tief ein und öffnete die Tür.
Draußen, in der Gasse, lag der Schatten der Stadt wie ein Netz, das sich um ihre Knöchel schlang. Und irgendwo, ganz fern, jenseits der Mauern, jenseits der Vernunft, wartete die Mondgöttin.
Die Bibliothek der Universität – Später Nachmittag
Die Tür zu Elsas Kabinett knarrte, als sie sie hinter sich schloss, und das Geräusch fraß sich in ihre Gedanken, als wäre es ein Finger, der eine unsichtbare Liste abhakte. Geschlossen. Vergessen. Versiegelt.
Sie ging den Korridor entlang, die Stiefel Absätze, die auf dem Steinfliesen ein Muster schlugen, das sie nicht dechiffrieren wollte. Die Bibliothek war zur Regenzeit in einen anderen Zustand geraten – die Luft schwer, die Bände auf den Regalen klumpig von Feuchtigkeit, als hätten sie sich in den Nachtstunden selbst geschwollen. Elsa vermied es, die Decken zu berühren. Sie hasste es, wenn sich der Staub wie Asche unter den Fingern regte, als würde die Vergangenheit noch atmen.
Tannhauser.
Der Name kam ihr ungebeten in den Sinn, wie ein Stein, den man über eine Brüstung fallen lässt. Sie blieb stehen, die Hand auf dem Geländer, und beobachtete, wie ein Student – jung, mit zu glatter Haut und zu aufmerksamen Augen – an ihr vorbeieilte. Er trug ein Buch unter dem Arm, das er nicht las. Er suchte etwas. Nicht Wissen. Etwas anderes.
Elsa drehte sich um, als Tannhausers Stimme sie traf, kühl und schneidend wie ein Messer, das man zu lange in Eis liegt.
„Fräulein von Voss.“
Sie zuckte zusammen, als hätte er sie berührt. Die Stimme kam von der Treppe, wo er stand, die Hände in den Ärmeln seines schwarzen Rocks vergraben, als würde er sich selbst festhalten. Sein Gesicht war im Halbdunkel, doch sie kannte jede Linie, jede Schattenfalte – die, die sich tiefer gruben, wenn er log.
„Magister Tannhauser.“ Ihre Antwort war ein Hauch, kein Gruß, kein Sieg. Sie ließ die Hand vom Geländer gleiten und setzte den Schritt zurück, als könnte sie ihm ausweichen, wenn sie sich nur schnell genug bewegte.
„Sie haben heute Morgen etwas mitgenommen, das nicht Ihnen gehört“, sagte er, und seine Stimme war so glatt, als hätte er sie mit Wachs poliert. „Etwas, das Sie nicht hätten lesen sollen.“
Elsa spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog, nicht aus Schuld, sondern aus etwas, das sich wie Wut anfühlte – dick und heiß, wie geschmolzenes Blei. „Ich habe es gefunden. Und ich bringe es zurück.“ Ihre Stimme war fest, aber sie hörte das Zittern darunter, als würde sie sich selbst überzeugen.
Tannhauser lächelte nicht. Sein Mund blieb eine gerade Linie, als hätte er vergessen, wie man es tat. „Gefunden. Ja.“ Ein kurzes Innehalten, dann: „Aber warum, Fräulein von Voss, warum sollten Sie etwas suchen, das Sie nicht finden wollen?“
Die Frage traf sie wie ein Schlag. Sie blieb stehen, die Hände zu Fäusten geballt, die Knöchel weiß. „Ich suche nichts.“ Ihre Stimme war zu laut, zu scharf, und sie senkte sie, zwang sich, ruhiger zu klingen. „Ich lese. Ich untersuche.“ Sie hob das Kinn, als wäre das ein Beweis. „Die Mondgöttin ist ein Mythos. Ein Werkzeug. Nichts weiter.“
„Ah.“ Tannhauser neigte den Kopf, als würde er etwas hören, das nur er hörte. „Und doch, Fräulein von Voss, ist es merkwürdig, wie bestimmt Sie sich sind. Als gäbe es keinen Raum für Zweifel.“
Elsa spürte, wie sich etwas in ihr regte – nicht Wut, nicht Angst, sondern etwas, das sich wie eine Warnung anfühlte, kalt und klangvoll, wie eine Glocke, die im Hintergrund läutet. Sie ballte die Hände fester, bis die Nägel sich in ihre Handflächen gruben. „Es gibt keine Zweifel. Nur Wahrheit.“
Tannhauser trat einen Schritt näher, und sie roch den Rauch, der an ihm hing, alt und bitter, wie verbranntes Papier. „Die Wahrheit, Fräulein von Voss, ist oft das Letzte, das wir finden.“
Sie wollte zurückweichen, aber ihre Beine gehorchten nicht. Seine Augen – zu dunkel, zu wachsam – musterten sie, und sie spürte, wie sich etwas in ihr verschob, wie ein Stein, der sich in einem Fluss dreht und dann auf dem Grund liegen bleibt. „Sie warnen mich“, sagte sie, und ihre Stimme war nur noch ein Flüstern. „Warum?“
„Weil Sie, Fräulein von Voss, etwas suchen, das Sie nicht benennen können.“ Seine Stimme war leise, fast sanft, und das machte es schlimmer. „Und weil die Dinge, die man nicht benennen kann, oft die gefährlichsten sind.“
Elsa spürte, wie sich ihre Lunge zusammenzog, als würde sie nach Luft schnappen, aber es kam keine. Sie schwieg, und in der Stille hörte sie das Knacken der Bände, das Rascheln der Seiten, das ferne Knistern der Kaminfeuer in den Kämpfern, die sich im Dunkeln versteckten. Irgendwo, in den Tiefen der Bibliothek, wo das Licht nicht hingereichte, lauschte etwas. Etwas, das nicht sie war.
„Sie sollten aufhören, Fräulein von Voss“, sagte Tannhauser, und seine Stimme war jetzt ein Hauch, ein Versprechen, das er nicht halten würde. „Bevor es zu spät ist.“
Sie wollte fragen, was zu spät wäre. Sie wollte ihn anbrüllen, dass er nicht wisse, wovon er rede. Aber die Worte blieben ihr im Hals stecken, als hätte jemand die Kehle zugeschnürt. Stattdessen drehte sie sich um und ging, die Stiefel klackend auf dem Stein, die Hände zu Fäusten geballt, als könnte sie das, was sie fühlte, so zurückhalten.
Hinter sich hörte sie Tannhausers Stimme, leise, fast traurig. „Sie werden es bereuen.“
Sie ging, ohne sich umzudrehen. Sie ging, weil sie wusste, dass wenn sie stehenblieb, sie etwas sehen würde, das sie nicht ertragen konnte. Etwas, das sie nicht benennen konnte. Etwas, das sie fürchtete.
Und doch, als sie die Treppe hinabstieg, die Hände an den Geländern, die Finger weiß, spürte sie es – dieses Ziehen, dieses etwas, das sich in ihr regte, wie ein Schatten, der sich an die Wand schmiegte, wenn das Licht ausgeht.
Die Mondgöttin.
Der Name kam ihr nicht in den Sinn. Er war immer da, wie ein Stein, der in der Tasche liegt, zu schwer, um ihn zu ignorieren. Und sie wusste, dass sie ihn nicht loswerden würde. Nicht jetzt. Nicht hier.
Sie ging weiter, die Stiefel klackend, die Hände zu Fäusten geballt, und betete, dass sie recht hatte. Dass es nichts gab, was es nicht zu erklären galt. Dass sie immer recht hatte.
Aber in den Tiefen der Bibliothek, wo das Licht nicht hingereichte, lauschte etwas. Etwas, das ihren Namen kannte. Etwas, das sie kannte.
Und es lächelte.