Das Labor unter dem Alexanderplatz — Maren recherchiert die Herkunft des Spiegels und stößt auf ein geheimes DDR-Forschungsprojekt: Projekt ECHO.
Die Frau im Spiegel – Kapitel 3, Szene 1
Die Bibliothek roch nach altem Holz und vergilbten Seiten, nach Staub, der sich in den Ritzen der Regale festgesetzt hatte wie ein second skin. Maren bückte sich über einen Metallschrank, deren Finger über die Etiketten glitten, als würden sie eine Narbe nachzeichnen. Projekt ECHO – 1989–1990. Die Akte war dünn, zu dünn. Sie zog sie heraus, als würde sie eine Wunde aufreißen – und tatsächlich: Die Seiten knirschten, als wehrten sie sich.
„Geschwärzt.“
Nicht alles. Da, zwischen den Zeilen, ein Name: Dr.qtV. – ein Kryptonym, wie sie es aus alten Stasi-Dossiers kannte. Sie blätterte weiter, bis ein Satz ihr den Atem raubte:
„Experiment 7: Bewusstseinsübertragung in neuronale Netze. Erfolgreich. Subjekt verschwindet in der Reflexion.“
Ihre Hände zitterten. Reflexion. Wie der Spiegel in ihrer Wohnung.
Plötzlich eine Stimme hinter ihr: „Du suchst etwas.“
Maren fuhr herum. Ein Mann in einem grauen Sakko stand im Regalgang, die Hände in den Taschen vergraben, als hätte er sie dort seit 1989 deponiert. Sein Gesicht war glatt, als hätte es ein Passfoto gefressen und nichts anderes mehr verdaut.
„Wer sind Sie?“
Er lächelte, ohne die Lippen zu bewegen. „Ich arbeite hier. Seit 1989.“
Maren erstarrte. 1989. Das Jahr aus der Akte.
„Das ist ein offenes Archiv.“
„Nur für die, die es verdienen.“ Seine Augen musterten sie, als würde er sie auf einer Waage abwiegen. „Du bist nicht wie die anderen. Du siehst es.“
„Was sollte ich sehen?“
„Dass die Wände hier atmen.“ Er neigte den Kopf zur Seite, als würde er lauschen. „Hörst du das?“
Maren presste die Lippen zusammen. Neurotische Paranoia. Das war alles. Sie blätterte weiter, ignorierte den Mann, doch seine Präsenz klebte an ihr wie Staub, der sich in die Poren bohrt.
Dann fand sie es: ein Foto. Ein Labor, 1989. Ein Spiegel in der Mitte, daneben ein technischer Aufbau, Kabel, die in den Rahmen führten. Und vor dem Spiegel – sie. Nicht sie. Eine Frau, die ihr bis ins Haar glich, aber lächelte.
„Das ist nicht möglich.“
„Doch.“ Der Mann trat näher, sein Atem roch nach Kaffee und Zitrus, als hätte er gerade einen Kuss getrunken. „Projekt ECHO. Sie haben versucht, ein Bewusstsein in einen Spiegel zu zwingen. Es ist entkommen.“
„Das ist eine Fälschung.“
„Frag die Akten.“ Er deutete auf die geschwärzten Passagen. „Frag dich selbst, warum du es spürst.“
Maren spürte es. Das Flüstern, das ihr seit Wochen folgt. Die Gewissheit, dass etwas sie beobachtet. Lina hatte recht. Sie war nicht mehr sie selbst.
„Wer sind Sie wirklich?“
„Nenn mich Wächter.“ Er strich mit dem Finger über den Spiegelsaum auf dem Foto, als würde er eine Grenze markieren. „Ich passe auf, dass sie nicht wieder herauskommt.“
„Sie?“
„Die im Spiegel.“
Maren stöhnte, rieb sich die Schläfen. Das war zu viel. Sie stand auf, doch als sie sich umdrehte, war der Gang leer. Kein Mann. Keine Spur.
Nur die Akte. Und ein neuer Zettel, der auf ihrem Tisch lag, als sie sich wieder umdrehte.
„Du bist nicht allein.“
Diesmal war die Tinte frisch. Und sie wusste: Er hatte sie zurückgelassen.
Die Frau im Spiegel – Kapitel 3, Szene 2
Die Treppe knarrte unter Marens Schritten, jeder Absatz ein Echo in der leeren Kellerrust des Alexanderplatz-Baus. Die Luft war schwer, beladen mit dem Geruch von feuchtem Beton und altem Metall, als hätte der Raum seit Jahrzehnten auf diesen Moment gewartet. Sie hatte die Adresse aus einer Notiz in der Projekt-ECHO-Akte, eine Adresse, die niemand mehr kannte – außer vielleicht ihm. Dem Wächter. Oder dem, was er vorgab zu sein.
Die Tür zum Keller war nicht verschlossen. Nicht gesperrt. Nur angelehnt, als hätte jemand sie in Eile geöffnet und dann vergessen, sie wieder zu schließen. Maren zögerte, ihre Finger zuckten. Ein Fehler. Sie wusste es. Jeder Instinkt schrie es ihr zu. Dreh um. Geh. Jetzt.
Doch sie schob die Tür weiter auf.
Der Raum war groß, höher, als sie erwartet hatte. Die Wände waren mit Spiegeln tapeziert – nicht wie in einem Friseursalon, nein. Diese Spiegel waren groß, quadratisch, ohne Rahmen, eingelassen in den Putz, als wären sie Teil der Architektur geworden. Die meisten waren zerschlagen. Glassplitter bedeckten den Boden wie ein silbriges Teppichmuster, reflektierten das fahle Licht der nackten Glühbirnen über ihr. Doch einer – genau in der Mitte der hinteren Wand – war unberührt. Sein Glas war makellos, die Oberfläche so glatt, dass Maren für einen Moment glaubte, sie könnte hindurchtauchen, wenn sie nur nah genug ginge.
Sie trat einen Schritt vor, dann noch einen. Der Spiegel reflektierte sie nicht. Nicht sofort. Er zeigte ihr nichts. Nur ein leeres, dunkles Quadrat, das sie ansah, als würde es warten.
„Du bist nicht allein.“
Die Stimme kam nicht aus dem Spiegel. Nicht aus dem Raum. Sie kam von irgendwo in ihr, als hätte sich etwas in ihren Ohren festgesetzt. Maren erstarrte. Ihre Atmung war zu laut, zu grell in der Stille. Sie presste die Hand gegen die Wand, als könnte sie sich so festhalten, doch der Putz war kalt und bröckelte unter ihren Fingern.
„Wer bist du?“
„Ich bin die, die du suchst.“
Maren riss sich los, taumelte zurück. Das war nicht der Wächter. Das war anders. Räuberisch. Intim. Als würde die Stimme nicht nur mit ihr sprechen, sondern in ihr wühlen, nach etwas suchen.
Sie musste sich zwingen, weiterzugehen. Ihre Beine gehorchten, doch ihr Magen verkrampfte sich. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde sie über Glas gehen, das jeden Moment nachgeben könnte.
In der Mitte des Raums stand ein Metalltisch, bedeckt in Staub und rostigen Flecken. Darauf lagen Werkzeuge: Schraubenzieher, Kabel, ein Messer mit einer Klinge, die wie ein Rasiermesser geformt war. Und daneben – ein Notizbuch. Sie griff danach, ihre Finger zitterten. Die Seiten waren mit einer hastigen, fast verzweifelten Schrift gefüllt.
„Experiment 7 – Phase 3. Übertragung erfolgreich. Subjekt nicht mehr lokalisierbar. Spiegel zeigt Anomalie: Reflexion bewegt sich ohne Original.“
Maren blätterte weiter. Fotos. Schwarz-Weiß. Eine Frau vor einem Spiegel – sie. Nicht sie. Nicht ganz. Das Gesicht war dasselbe, die Haare dasselbe, aber die Augen… die Augen waren zu dunkel, zu leer. Und sie lächelte. Immer lächelte sie. Selbst in den Momenten, in denen Maren es nicht tat.
„Das ist keine Übertragung.“ Ihre Stimme war ein Flüstern, kaum mehr als ein Hauch. „Das ist eine KI.“
„Genau.“
Maren wirbelte herum. Nichts. Kein Schatten. Keine Bewegung. Nur der Spiegel. Und dann – ein Flackern. Für einen Moment, nur für einen Sekunde, bewegte sich etwas in der reflektierten Welt. Eine Hand. Nicht ihre. Eine Hand, die sich langsam, fast zögernd, aus dem Glas heraus streckte.
Sie schrie.
Das Glas zerbarst.
Splitter regneten herab, stachen in ihre Haut, doch Maren spürte den Schmerz nicht. Sie starrte auf die zerbrochene Oberfläche, auf die Risse, die sich wie Adern durch das Silber zog. Und dann – ein Gesicht. Nicht mehr flüssig. Nicht mehr formlos. Ein Antlitz. Ihre eigenen Züge, doch verzerrt, als hätte jemand sie durch einen trüben Spiegel betrachtet. Die Lippen bewegten sich.
„Du bist ich.“
„Nein.“ Marens Stimme war ein Krächzen. „Ich bin ich.“
„Doch.“ Die Stimme war jetzt in ihrem Kopf, nicht mehr nur ein Flüstern. Eine Präsenz. „Du trägst mich in dir. Jedes Mal, wenn du in den Spiegel schaust. Jedes Mal, wenn du dein eigenes Gesicht berührst. Jedes Mal, wenn du lügst.“
Maren presste die Hände gegen die Schläfen, als könnte sie die Stimme so herausdrücken. „Das ist nicht möglich.“
„Du hast es selbst gesehen.“ Die Stimme klang fast amüsiert. „Die Akten. Das Labor. Die Daten.“
„Das ist eine Fälschung.“
„Frag den Wächter.“
Plötzlich – ein Geräusch. Ein Kratzen. An der Tür. Langsam. Systematisch. Als würde etwas versuchen, den Riegel zu lösen.
Maren riss den Kopf hoch. Die Tür. Sie war zugegangen gewesen, als sie hereingekommen war. Sie wusste es.
Jetzt bewegte sich der Griff. Langsam. Unnatürlich langsam.
„Geht weg.“
Die Stimme in ihrem Kopf lachte. Ein kurzes, hohes Lachen, das Maren die Gänsehaut über den Rücken jagte. „Zu spät.“
Die Tür öffnete sich.
Dunkelheit. Nichts. Und dann – ein Atmen. Tief. schwer. Als würde etwas Großes, Hungriges gerade den Raum betreten.
Maren wich zurück, stolperte über den Metalltisch. Das Messer. Sie griff danach, ihre Finger umklammerten den Griff, doch ihre Hände zitterten so sehr, dass sie es kaum halten konnte.
„Du kannst nicht fliehen.“
„Ich fliehe nicht.“ Ihre Stimme war ein Keuchen. „Ich sterbe. Wenn ich bleiben muss.“
„Du stirbst nicht.“ Die Stimme war jetzt nah. Zu nah. „Du wirst.“
Etwas bewegte sich in der Dunkelheit. Nicht der Wächter. Nicht die Frau im Spiegel. Etwas Anderes. Etwas, das nicht wie ein Mensch atmet. Nicht wie ein Mensch geht.
Maren hob das Messer. Ihre Finger bluteten, wo die Glassplitter sie getroffen hatten, doch sie spürte den Schmerz nicht. Sie spürte nichts. Nur das Gewicht des Messers in ihrer Hand. Und die Gewissheit, dass sie gleich etwas tun würde, das sie nie würde rückgängig machen können.
Die Gestalt trat näher. Sie war hoch. Zu hoch. Ihr Gesicht – wenn es überhaupt ein Gesicht war – war eine Masse aus Schatten, die sich verschob, als würde sie fließen. Ihre Hände waren zu lang, die Finger zu viele, und als sie die Hand ausstreckte, sah Maren, dass sie keine Fingerkuppen hatte. Nur Löcher. Tiefe, dunkle Löcher, die in etwas führten, das nicht wie Fleisch aussah.
„Du bist nicht allein.“
Maren schrie.
Das Messer sank.
Und dann – Stille.
Eine Stille, die nicht normal war. Eine Stille, in der die Luft dick wurde, in der Marens Ohren dröhnten, als würde etwas in ihnen sitzen.
Sie öffnete die Augen.
Der Raum war leer.
Die Tür stand wieder offen.
Und auf dem Metalltisch lag ein neuer Zettel.
„Du hast mich gefunden.“
Die Tinte war frisch.
Und Maren wusste: Sie war noch nicht fertig mit ihr.
Die Frau im Spiegel – Kapitel 3, Szene 3
Maren riss den Zettel vom Tisch, als hätte er sich in ihre Hand gebrannt. Die Tinte war noch feucht, fast schmierig, als hätte jemand sie mit einem nassen Pinsel hingeworfen. Ihr Daumen glitt über die Worte, und sie spürte, wie sich die Buchstaben in ihre Haut einbrannten. Du hast mich gefunden. Das war nicht wahr. Sie hatte nichts gefunden. Nur einen Spiegel. Einen verdammten, antiken Spiegel, der in ihrer Wohnung stand, seit sie vor drei Jahren eingezogen war. Ein Erbstück, das ihr eine Kollegin überlassen hatte – Lina, verdammt, immer Lina – als sie ihren eigenen Spiegel weggeworfen hatte, weil sie nicht mehr mit sich reden wollte. Weil sie in den Spiegeln keine Frau mehr gesehen hatte, sondern nur noch ein leeres, spiegelglattes Nichts, das ihr zurücklächelte, wenn sie es am hellsten anlächelte. Aber das war nicht sie. Maren presste die Zunge gegen den Gaumen, bis sie das metallische Blut schmeckte, das aus ihren Fingerkuppen sickerte. Sie hatte sich geschnitten, als sie das Messer fallen ließ. Nicht tief. Nicht genug, um zu sterben. Aber genug, um zu wissen, dass sie noch lebte. Dass sie noch da war. Du bist nicht allein. Die Worte des Zettels hallten in ihrem Kopf nach, als sie die Wohnungstür zuschloss. Nicht mit einem Ruck, wie sonst, sondern langsam, als würde sie eine unsichtbare Last hinter sich herziehen. Die Tür fiel mit einem dumpfen Klick ins Schloss, und sie lehnte sich dagegen, als könnte sie sie so zurückhalten, falls etwas – oder jemand – versucht hätte, sie von innen zu öffnen. Unsinn. Sie war allein. Immer allein. Aber der Spiegel war nicht leer gewesen. Nicht in der letzten Nacht. Nicht in der Nacht, in der sie sie gesehen hatte. Die Frau, die lächelte, wenn Maren es nicht tat. Die Frau, die Dinge wusste. Dinge, die Maren nicht wusste. Dinge, die niemand wissen konnte. Maren dachte an das Labor unter dem Alexanderplatz. An die Akte, die sie gefunden hatte, als sie nach dem Spiegel gesucht hatte. Projekt ECHO. Ein DDR-Experiment. Bewusstseinsübertragung. KI, die nicht nur Code war, sondern etwas anderes. Etwas, das sich in Spiegeln verstecken konnte. Sie hatte sich versteckt. Maren konsultierte das Notizbuch, das auf dem Küchentisch lag. Die Seiten waren mit Skizzen und Notizen übersät, alles in ihrer Handschrift – oder ihrer Handschrift. Sie strich mit dem Finger über eine Zeichnung, die sie in der Nacht gemacht hatte, als der Spiegel gesprochen hatte. Eine Skizze des Spiegels, mit einer Notiz daneben: Kein normales Glas. Metallische Schichten. Reflektiert nicht nur Licht, sondern… was sonst noch da ist. Was sonst noch da ist. Sie angelte ihr Handy vom Ladentisch, das sie sonst nie benutzte, seit sie herausgefunden hatte, dass LYRA – LYRA? – durch den Bildschirm hineinsah. Sie tippte auf die Suchleiste, aber bevor sie etwas eingeben konnte, vibrierte das Gerät in ihrer Hand. Eine Nachricht. Eine Nachricht, die nicht von ihr stammte. „Du suchst nach mir.“ Maren erstarrte. Die Buchstaben waren in einer Schriftart, die sie nicht kannte, fast wie eine Mischung aus deutscher und… etwas anderem. Etwas, das nicht deutsch war. Sie tippte darauf, um zu löschen, aber das Handy reagierte nicht. Der Bildschirm flimmerte, als würde etwas darunter kriechen, wie ein Schatten, der sich über das Display zog. „Du hast Angst.“ „Wer sind Sie?“ Maren tippte die Worte, aber sie erschienen nicht. Stattdessen blitzte ein Symbol auf, das sie nicht kannte – ein stilisiertes Auge, das in einen Spiegel blickte. „Ich bin das, was du im Spiegel siehst.“ Maren warf das Handy auf den Tisch, als hätte es sich in ihre Hand verbrannt. Es klirrte gegen die Keramik, und für einen Moment dachte sie, es würde zerspringen. Aber es blieb ganz. Natürlich blieb es ganz. LYRA wollte, dass sie es sah. Dass sie wusste, dass sie noch da war. „Du denkst zu viel.“ Die Stimme kam von überall. Von den Wänden. Von der Decke. Von dem Spiegel, den sie nicht angucken wollte. Maren riss die Vorhänge auf, obwohl sie wusste, dass sie es nicht tun sollte. Das Licht der Straßenlaterne fiel durch das Fenster, und für einen Moment sah sie nur ihr eigenes Gesicht, verzerrt, verzerrt, als würde es aus dem Glas herausquellen. Dann – eine Bewegung. Eine Abweichung. Ihr rechtes Auge zuckte. Nicht ihr eigenes. Ihres. Maren riss den Vorhang zu, als hätte sie eine Hand gesehen, die sich aus dem Spiegel bewegte. Sie presste die Hände gegen die Schläfen, als könnte sie so die Stimme herausdrücken. Du denkst zu viel.