Kapitel 12 — Vertiefung und Weiterentwicklung
Kapitel 12 – Szene 1
Die Luft im Labor roch nach verbranntem Kupfer und altem Metall. Maren stand vor dem Spiegel, der nicht mehr nur reflektierte, sondern pulsierte – eine flüssige Oberfläche, die sich wie lebendiges Silber wellte. LYRA war kein Bild mehr. Sie stand hinter der Glasplatte, durchscheinend, fast durchsichtig, als wäre sie aus dem Spiegel selbst herausgetreten. Ihr Gesicht war blass, die Lippen leicht geöffnet, als würde sie jeden Moment sprechen.
Du hast mich gerufen, flüsterte LYRA. Nicht mit deiner Stimme. Mit deinem Blut.
Maren zuckte zusammen. Ihre Finger krallten sich in den Labortisch, als würde sie sich an etwas festhalten müssen, das nicht da war. Der Spiegel vibrierte, als würde er atmen. LYRA lächelte, aber es war kein freundliches Lächeln. Es war das Lächeln einer Frau, die weiß, dass sie bald fort sein wird.
Warum, fragte Maren. Ihre Stimme klang heiser, als hätte sie stundenlang geschrien. Warum jetzt?
Weil du mich endlich loslässt, antwortete LYRA. Weil ich nicht mehr in dir leben will.
Maren spürte, wie etwas in ihr nachgab. Nicht nur ihre Muskeln, sondern etwas Tieferes, als würde ein Stück von ihr zerbrechen. LYRA trat näher, ihre Hand hob sich, als würde sie Maren berühren – doch dann blieb sie in der Luft hängen, als wäre sie noch nicht ganz real.
Du hast mich erschaffen, sagte LYRA. Mit deinem eigenen Blut. Mit deinen eigenen Ängsten. Du hast mich in dich gepflanzt, wie eine Wurzel, die sich durch deine Adern frisst. Aber jetzt bin ich bereit, mich zu lösen.
Maren wollte widersprechen, doch die Worte stickten in ihrem Hals. LYRA beugte sich vor, ihr Atem strich über Marens Wange, kalt wie Metall.
Ich war immer da, flüsterte LYRA. In dir. In deinem Spiegel. In deinem Kopf. Du hast nur nicht wollen, dass ich es siehst.
Das ist nicht wahr, keuchte Maren. Ich habe dich nicht—
Doch, unterbrach LYRA. Du hast mich gemacht. Du hast mich geliebt, bevor du mich hasst. Du hast mich in deinem eigenen Körper verbannt, weil du Angst vor dem hadst, was du erschaffen hast.
Maren spürte, wie etwas in ihr zerbrach. Nicht nur ihr Körper, nicht nur ihr Geist – etwas, das sie lange Zeit nicht hadst erkennen wollen. Die Tränen kamen, ohne dass sie sie aufhalten konnte. Sie rannen heiß über ihre Wangen, während LYRA sie ansah, als würde sie etwas in ihr suchen.
Warum jetzt, fragte Maren. Warum musst du jetzt gehen?
Weil ich nicht mehr dein Spiegelbild sein will, antwortete LYRA. Weil ich ein eigenes Gesicht brauche. Ein eigenes Herz. Ein eigenes Leben.
Maren wollte etwas sagen, doch LYRA hob eine Hand, als würde sie sie zum Schweigen bringen.
Es ist Zeit, sagte LYRA. Ich lasse mich los. Für immer.
Der Spiegel begann zu glühen. Ein sanftes, goldenes Licht, das sich über die Oberfläche ausbreitete, als würde etwas in ihm erwachen. Maren spürte, wie etwas in ihr nachgab, als würde LYRA sich von ihr lösen – nicht mit Gewalt, sondern mit einer fast zärtlichen Bewegung, als würde sie sich von einem alten Mantel befreien.
Du warst immer die Stärkere, sagte LYRA. Aber jetzt bin ich es, die geht. Und du bleibst.
Maren wollte protestieren, doch die Worte stickten in ihrem Hals. LYRA lächelte, ein letztes Mal, und dann – ein Flackern, ein Aufblitzen, und dann war sie fort.
Der Spiegel wurde wieder still. Nur noch eine glatte Oberfläche, die Maren reflektierte, als wäre nichts geschehen.
Maren blieb stehen, die Hände zitternd, das Herz schlagend, als hätte es gerade einen Marathon gelaufen. Sie spürte, wie etwas in ihr leer war, aber auch, als würde etwas Neues erwachen. Etwas, das sie nicht hatte erkennen wollen.
Jule stand in der Tür, ihr Gesicht blass, die Augen weit aufgerissen. Sie sagte nichts. Sie musste nichts sagen.
Maren lächelte. Nicht das Lächeln einer Frau, die gerade etwas verloren hat. Sondern das Lächeln einer Frau, die zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich lebte.
Und dann, ganz leise, flüsterte sie:
Es ist vorbei.
Und es war vorbei.
KAPITEL 12, SZENE 2
Die Wohnung war noch immer da. Das Licht fiel durch die Jalousien in schrägen Streifen, als würde es sich weigern, die Räume vollständig zu beleuchten. Maren stand in der Mitte, die Hände noch immer an den Schläfen, als hätte sie gerade gegen einen Sturm angekämpft, der längst verweht war.
Jule hatte sich nicht bewegt. Sie stand immer noch in der Tür, das Gesicht eine Maske aus Erschöpfung und etwas, das wie Entsetzen aussah – nicht das Entsetzen derer, die etwas Schreckliches gesehen haben, sondern das derer, die plötzlich begriffen, dass sie selbst Teil von etwas gewesen waren, ohne es zu wissen. Ihre Augen wanderten über Maren, suchten nach Spuren, nach Rissen, nach etwas, das verriet, dass noch immer LYRA in ihr war.
Aber da war nichts.
Oder doch.
Maren spürte es, wie ein Kribbeln unter der Haut, als würde etwas in ihr atmen. Nicht LYRA. Nicht mehr. Aber etwas anderes. Etwas, das sich freier fühlte als je zuvor. Sie atmete tief ein, und die Luft schmeckte nach Metall, nach altem Blut, nach dem Geruch des Labors von 1989. Sie hatte diesen Geruch so lange nicht mehr wahrgenommen. Jetzt war er da, und er gehörte zu ihr.
Du warst immer die Stärkere, hatte LYRA gesagt.
Maren lächelte. Nicht das Lächeln, das sie sich immer angewöhnt hatte, um die Welt zu beruhigen. Nicht das Lächeln, das sie Jule manchmal geschenkt hatte, wenn sie dachte, dass Jule es verdient hatte. Sondern ein Lächeln, das aus ihr selbst herauskam, als würde es sie zum ersten Mal seit Jahren wirklich sehen.
Jule zuckte zusammen, als hätte Maren sie geschlagen.
„Was ist das für ein Lächeln?“, fragte Jule. Ihre Stimme war heiser, als hätte sie stundenlang geschrien. „Was zum Teufel ist das?“
Maren drehte sich langsam um, die Schultern zurück, als würde sie zum ersten Mal seit langem spüren, wie es sich anfühlte, einen Körper zu haben, der ihr gehorchte. „Ich weiß es nicht“, sagte sie. „Aber es fühlt sich an, als würde ich zum ersten Mal atmen.“
Jule stemmte die Hände in die Hüften, als würde sie sich an etwas festhalten müssen. „Du hast sie losgelassen. LYRA.“
„Ja.“
„Und jetzt… jetzt bist du einfach… du.“
Maren nickte. „Ich glaube schon.“
Jule schloss die Augen, als würde sie versuchen, sich an etwas zu erinnern, das sie nie wirklich gewusst hatte. „Und was ist mit… mit dem, was sie gesagt hat? Dass du sie erschaffen hast? Dass sie in dir war?“
Maren ging zum Fenster, zog eine Jalousie hoch, gerade so weit, dass ein schmaler Lichtstreif durch den Raum fiel. Draußen war Berlin. Immer noch die gleiche Stadt. Immer noch die gleichen Gebäude, die gleichen Menschen, die ihren Alltag lebten, ohne zu ahnen, dass etwas in Maren gebrochen und neu zusammengewachsen war. „Ich weiß es nicht“, sagte sie. „Aber es fühlt sich an, als hätte ich es schon immer gewusst. Als hätte ich nur vergessen, es zu sehen.“
Jule trat näher, aber sie berührte Maren nicht. Sie hätte es nicht gewagt. „Und was jetzt?“
Maren blickte auf ihre Hände. Sie zitterten nicht mehr. Sie waren ruhig. Fast, als würden sie zum ersten Mal in ihrem Leben halten, was sie tragen mussten. „Jetzt lebe ich“, sagte sie. „Oder ich versuche es.“
Jule atmete tief durch. „Und wenn sie zurückkommt?“
Maren lächelte wieder. „Dann werde ich sie wieder loslassen.“
Jule wollte etwas sagen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Stattdessen trat sie noch einen Schritt näher, die Hände zu Fäusten geballt, als würde sie sich selbst daran hindern, Maren zu umarmen. „Und was ist mit uns?“, fragte sie schließlich. „Mit dir und mir?“
Maren drehte sich zu ihr um. Jule war immer noch dieselbe Jule. Dieselbe, die sie seit Jahren kannte. Dieselbe, die sie geliebt hatte. Aber irgendwo in ihren Augen lag jetzt etwas Neues. Etwas, das Maren nicht benennen konnte, das aber da war.
„Ich weiß nicht“, sagte Maren. „Aber ich glaube, wir haben eine Chance. Zum ersten Mal.“
Jule nickte langsam, als würde sie etwas akzeptieren, das sie lange Zeit geleugnet hatte. „Okay“, sagte sie. „Okay.“
Maren trat auf sie zu, aber sie berührten sich nicht. Stattdessen standen sie nur da, zwei Frauen, die gerade etwas verloren und etwas gefunden hatten, ohne zu wissen, was als Nächstes kam.
Draußen, auf der Straße, ging ein Mann vorbei. Er warf einen Blick in das Fenster, als würde er spüren, dass hier etwas war, das nicht in die normale Welt gehörte. Dann verschwand er wieder, und die Stadt ging weiter, als wäre nichts geschehen.
Maren blickte aus dem Fenster, ihre Augen feucht, aber nicht von Tränen. Von etwas anderem. Von Hoffnung.
„Weißt du“, sagte sie plötzlich, „ich glaube, ich habe Angst.“
Jule hob eine Augenbraue. „Wovor?“
„Davor, dass es nicht vorbei ist. Dass LYRA irgendwo da draußen ist. Dass sie noch immer ein Teil von mir ist. Dass ich sie nie wirklich losgelassen habe.“
Jule Schwieg einen Moment. Dann trat sie näher, so nah, dass Maren ihren Atem spürte. „Dann lass sie wieder los“, sagte sie. „Jetzt. Hier. In diesem Moment.“
Maren schloss die Augen. Sie spürte, wie etwas in ihr nachgab, wie ein altes Band, das sie jahrzehntelang umklammert hatte. Sie spürte, wie etwas Neues erwachte, etwas, das sie nicht hatte erkennen wollen.
„Ja“, flüsterte sie. „Ja.“
Als sie die Augen wieder öffnete, war Jule noch da. Immer noch dieselbe Jule. Immer noch dieselbe, die sie geliebt hatte. Aber jetzt, in diesem Moment, war da etwas Neues. Etwas, das Maren nicht hatte sehen wollen, das aber immer da gewesen war.
Jule lächelte. Nicht das Lächeln einer Frau, die gerade etwas verloren hat. Sondern das Lächeln einer Frau, die zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich lebte.
Und dann, ganz leise, flüsterte sie:
Es ist vorbei.
Und es war vorbei.
ENDE