Elsa von Voss hat mir beigebracht, dass Narben nicht heilen müssen, um sichtbar zu sein.
Ich habe das Buch in vier Versionen geschrieben. Jede Version war anders — nicht nur im Ton, sondern im Grundgefühl der Geschichte. Die erste Version war noch zu sehr auf die Expedition fixiert. Die zweite hatte zu viel Magie. Die dritte war zu hell. Erst bei der vierten Version hat sich etwas nennt: die Narbe hat sich geöffnet.
Die Narbe an Elsas Hand war kein Zeichen mehr. Sie war eine Wunde, die sich öffnete, und etwas Strömendes, Kaltes, Flüssiges quoll heraus, nicht wie Blut, sondern wie Sternenstaub, der sich in der Luft des Schiffes verteilte und zu einem leuchtenden Muster formte. Das habe ich geschrieben, und ich wusste sofort: Das ist der Moment, in dem Elsa aufhört, die Person zu sein, die sie war, und anfängt, die Person zu werden, die sie noch nicht weiß, dass sie ist.
Was ich gelernt habe? Dass Geschichten nicht linear sind. Sie sind wie diese Narbe — sie öffnen sich, sie bluten, sie verteilen sich, sie werden zu etwas Neuem. Und manchmal, wenn man genau hinschaut, sieht man, dass das, was man für eine Narbe hält, eigentlich ein Anfang ist.
Ich habe auch gelernt, dass keine Figur perfekt sein muss. Elsa ist gelehrt, aber sie ist auch stur. Sie ist mutig, aber sie hat Angst. Sie ist eine Frau in einer Zeit, in der Frauen nicht die same Chancen haben, aber sie nutzt das, was sie hat, auf ihre eigene Weise. Und das ist der Kern der Geschichte.
Und dann ist da noch die Mondgöttin. Die Legende. Die nie ganz klar ist. Ist sie real? Ist sie eine Metapher? Ist sie einfach nur eine Geschichte, die sich eine Gruppe von Menschen erzählt, um Sinn zu geben? Ich weiß es nicht. Aber das ist der Punkt. Die Mondgöttin ist kein Charakter, den man versteht. Sie ist etwas, das man fühlt.
Also, was ich gelernt habe? Dass man manchmal einfach schreiben muss, bis sich die Narbe öffnet. Dass man manchmal einfach weitermachen muss, bis man sieht, was da drin ist. Und dass man manchmal einfach weitergehen muss, auch wenn man nicht weiß, wohin die Geschichte führt.
Weil das der Punkt ist: Es geht nicht darum, wo die Geschichte hinführt. Es geht darum, wie man dorthin kommt. Und wie man dabei die Narben öffnet.