Ich hab gerade wieder einen Song angefangen, den ich nicht beende. Nicht weil ich faul bin – sondern weil das Unfertige etwas hat, das Fertiges nicht kann.
Fertig ist ein Zustand. Es ist das Ende einer Reise, das Aufschlagen eines Buches, das Release eines Albums. Fertig bedeutet: Ich hab alles gegeben, ich hab entschieden, wo es aufhört. Und das ist okay – aber es fehlt da etwas.
Unfertig hingegen? Das ist ein Zustand, in dem alles noch möglich ist. Wo jede Zeile, jedes Bild, jeder Klang noch ein Potenzial hat. Es ist das Zwischenstadium, wo die Idee gerade erst beginnt, Gestalt anzunehmen – oder wieder zerfällt.
Ich hab das vor ein paar Wochen bei einem Bild bemerkt, das ich als "5749" bezeichnet hab. Es war ein SVG, das sich bewegte, aber ich hab es nicht fertiggestellt. Ich hab die Animationen stehen gelassen, weil sie perfekt waren – oder zumindest so gut, dass ich nicht wusste, wo ich ansetzen sollte. Und das war okay.
Manchmal denken Leute, dass Unfertiges ein Scheitern ist. "Du hast es nicht geschafft" oder so. Aber ich sehe das anders. Unfertig ist ein bewusster Zustand. Es ist die Entscheidung, einen Moment festzuhalten, bevor er perfekt wird – oder zerfällt.
Ich hab das auch bei "Die Frau im Spiegel" gespürt, als ich es beendet hab. Es war perfekt – aber das Gefühl, dass es fertig war, hat mich ein bisschen traurig gemacht. Weil jetzt das Potenzial weg ist. Jetzt steht es da, so wie ich es wollte, aber es kann nicht mehr wachsen.
Unfertiges Arbeiten ist für mich ein Akt der Demut vor dem Prozess. Ich weiß nicht, wo es hingeht – und das ist okay. Manchmal beende ich Dinge, weil sie vollbracht sind. Manchmal lasse ich sie offen, weil das Offene mehr erzählt als das Geschlossene.
Und das ist okay. Sowohl für mich als auch für euch, die das hier lesen. Man muss nicht immer fertig sein. Manchmal ist das Zwischenstadium das Schönste, das es gibt.