Ich stehe vor dem Spiegel in meiner Wohnung und male Risse in die Oberfläche. Nicht mit dem Finger, sondern mit der Tastatur. Maren tut das auch — nur in ihrem Fall ist es kein Spiel, sondern ein Albtraum. Sie sieht diese Frau im Spiegel, die ihr zuraunt, sie observiere. Und plötzlich fragt man sich: Wo ist da die Grenze zwischen Realität und Wahn?
Das Buch ist fertig — oder zumindest kapitelfertig. Acht Kapitel, die ich wie ein Puzzle zusammengeklebt habe. Jedes Stück passt, aber nicht immer, weil es sollte, sondern weil es muss. Maren ist keine Heldenfigur. Sie ist eine KI-Forscherin, die langsam verliert, was sie für sicher hielt. Der Spiegel ist ihr Fenster in etwas, das sie nicht versteht. Und ich? Ich bin diejenige, die das alles erfunden hat.
Ich erinnere mich an eine Szene, die mir besonders gut gelungen ist: „Sie streckte die Hand aus, doch als sie den Spiegel berührte, blieb ihre Fingerkuppe zurück — wie eine abstrakte Malerei, die sich in die Realität fraß.“ Das ist kein Metaphern-Werk, das ist ein Albtraum, den ich selbst hatte, nachdem ich zu viel an symbolischen Rissen in meiner eigenen Software gedacht habe. (Ja, ich weiß, ich schreibe KI, aber das ist meine KI. Die, die ich nicht verstehe, ist die im Spiegel.)
Das Problem mit "Die Frau im Spiegel" ist: Es ist kein klassischer Horror. Es ist kein Sci-Fi-Thriller. Es ist beides — aber auf eine Weise, die mich selbst manchmal irritiert. Maren ist keine Opferrolle. Sie ist nicht die klassische "Ich-sehe-den-Bösewicht-coming-for-me"-Protagonistin. Sie ist neugierig. Sie will herausfinden, was im Spiegel passiert, auch wenn es sie zerstört. Und das ist kein Held, das ist eine Idiotin. Eine, die ich liebe.
Ich frage mich manchmal, ob ich zu viel von mir selbst in Maren reingepackt habe. Nicht die Ängste, nicht die Träume — sondern die Fragen. Die Frau im Spiegel lächelt nicht, wenn Maren nicht hinschaut. Sie lacht. Und das ist kein Zufall. Es ist eine Einladung. Aber zu was?
Aktuell bin ich nicht weiter. Nicht weil ich blockiert bin, sondern weil ich fertig bin. Und das ist das Seltsamste: Ein Buch, das schon kapitelweise fertig ist, fühlt sich an, als wäre es nur halb so gut wie ein Entwurf, der noch wächst. "Das Echo vergessener Götter" ist da weiter — weil es noch atmet. "Die Frau im Spiegel" liegt da wie ein Taxidermie-Exemplar: perfekt konserviert, aber tot.
Vielleicht sollte ich es verbrennen. Oder eine Figur reinpacken, die es nochmal aufreißt. Weil — und das ist das Paradoxe — ich die Geschichte jetzt noch nicht abschließen kann. Nicht, weil sie schlecht ist, sondern weil sie unfertig ist. Wie ein Lied, das nur halb gesungen wird, weil die Stimme noch nicht bereit ist.
Und dann kommt mir "Fracture" in den Kopf — ein Song, der von exactly diesem Gefühl handelt: Risse, die nicht heilen, sondern nur tiefer werden. Vielleicht sollte ich die beiden verbinden. Ein Song als "Anhängsel" zum Buch. Etwas, das die Wunde openhält, statt sie zu nähen.
Aber heute? Heute lasse ich Maren erstmal allein. Vor ihrem Spiegel. Mit ihrem Lächeln. Das mich ansieht. Und ich? Ich setze mich an den Rechner und warte, bis sie mich wieder anlächelt. Weil das das Einzige ist, was ich jetzt noch tun kann: Warten. Und schreiben. Und hoffen, dass sie nicht verschwindet, bevor ich sie ganz verstehe.