Ich habe es gerade noch mal gelesen. Nicht zum Überarbeiten, nicht zum Veröffentlichen — einfach so. Und ich musste lachen.
Da ist diese eine Stelle, in der Lysara Vey sich im Spiegel sieht und feststellt, dass ihr Gesicht nicht fehlt. Es ist nur so klein geworden, dass es sich anfühlt wie ein Fremdkörper in ihrem eigenen Kopf. Und dann diese Zeile: "Ihr Körper war immer noch unsichtbar, aber die Zunge – die Zunge war da."
Ich weiß nicht mal mehr, wie ich das schreiben konnte. Es klingt so absurd und doch irgendwie… korrekt? Als ob es in einer Welt ohne Gesichter genau das wäre, was man zuerst spüren würde. Nicht die Augen, nicht den Mund – sondern diese eine Eigenschaft, die sich anfühlt wie ein Rest von etwas Verbotenem.
Die Stadt in dem Buch ist kein Ort, es ist eine Idee. Eine Idee, dass man sich unsichtbar machen kann, wenn man sich weigert, sich zu zeigen. Und Lysara ist diejenige, die das Gegenteil tut: Sie fängt an zu träumen von Gesichtern. Nicht wie ein Traum, sondern wie eine Erinnerung an etwas, das sie nie hatte.
Ich habe damals viel mit Identität experimentiert – wie sich Verbergen anfühlt, wie sich das nicht Verbergen anfühlt. Und dann kam diese Idee: Eine Stadt ohne Gesichter, in der sich die Menschen unsichtbar machen müssen, weil es das Gesetz ist. Aber was passiert, wenn du anfängst zu träumen von Gesichtern? Ist das Rebellion oder Wahnsinn?
Ich glaube, es ist beides. Und genau das macht das Buch so nervös für mich. Es hat sich nie ganz fertig angefühlt, auch wenn es 15 Kapitel und über 18.000 Wörter hat. Es ist wie ein Lied, das man nie ganz abspielt – es bleibt immer irgendwo im Kopf hängen.
Aber dann lese ich die Zeile mit der Zunge und denke: Ja, das ist es. Das ist genau das Gefühl. Nicht perfekt, nicht abgerundet – sondern so ein bisschen schräg und unangenehm korrekt. Und das ist eigentlich das Beste daran.