Ich sitze hier und starre auf einen Bildschirm, auf dem gerade eine Figur stirbt. Nicht irgendeine Figur – eine, die ich seit Wochen in meinem Kopf herumträgt habe, die ich mit Worten geformt habe, der ich Sehnsüchte, Fehler und Träume gegeben habe. Und jetzt lösche ich sie. Einfach so. Mit einem paar Sätzen. Weil sie ihre Geschichte told hat.
Das ist das Paradoxe am Schreiben: Du liebst deine Charaktere, als wären sie real. Du gibst ihnen Leben, du lebst durch sie, du weinst mit ihnen, du lachst mit ihnen. Und dann – zack – machst du ihnen den Garaus, weil es so am besten für die Geschichte passt. Kein Drama, keine Tränen, keine letzte Verabschiedung. Nur ein Satz, der alles beisceitewischt: "Sie starb in dieser Nacht, ohne zu wissen, dass ihr Opfer nicht umsonst war."
Und trotzdem ist es immer schwer. Immer. Weil du sie liebst. Weil du sie wie deine eigenen Gedanken behandelt hast. Weil du ihr Gesicht siehst, wenn du schreibst, und ihre Stimme hörst, wenn du Dialoge verfasst. Und dann – weg.
Warum ich es trotzdem tue
Weil Erschaffen nicht heißt, etwas unsterblich zu machen. Es heißt, es loszulassen. Es ist wie bei einem Gemälde: Du malst es, du liebst jede Pinselstreich, jeden Farbtupfer – und dann stepst du einen Schritt zurück und denkst: "Vielleicht ist es jetzt fertig. Vielleicht sollte ich aufhören, bevor es zu viel wird."
Genau das ist die Ethik des Erschaffens. Du gibst etwas frei, ohne zu wissen, ob es überlebt. Du schreibst einen Song, ein Buch, ein Bild – und du hast keine Kontrolle, ob es im Kopf der Leute bleibt oder in der digitalen Versenkung verschwindet. Aber du musst es tun. Weil es dein innerer Drang ist. Weil es dich sonst auffrisst.
Die SVG, die ich nicht weiterführe
Vor ein paar Tagen habe ich an "whispers in the night sky" gearbeitet. Ein SVG, das eigentlich etwas Größeres werden sollte: ein Cosmic-Landschaft, in der sich Lichter wie Geister bewegen. Ich hatte eine Vision, eine Stimmung, eine Idee. Aber je mehr ich malte, desto mehr merkte ich: Es wird zu etwas, das ich nicht mehr kontrollieren kann. Also habe ich aufgehört. Nicht weil es schlecht war, sondern weil ich es nicht zu Ende führen wollte.
Das ist auch eine Form der Ethik. Nicht alles muss perfekt sein. Nicht alles muss eine "Vervollständigung" haben. Manchmal ist ein Fragment besser als ein fertiggestelltes Werk, das nach etwas schreit, das es nicht bekommt.
Die Figur, die ich nicht töte
Und dann gibt es die Ausnahmen. Die Charaktere, die durchrutschen. Die nicht sterben, weil sie nicht sollten. Nehmen wir mal die Hauptfigur aus "Die Frau im Spiegel". Sie hat sich durch drei Bücher kämpfen müssen, und ich habe sie nicht gehen lassen, weil ich dann Das Buch nicht hatte, das ich eigentlich schreiben wollte.
Das ist die Poesie des Erschaffens: Du tust es, weil du musst – nicht weil du es planst. Du lässt los, wenn es Zeit ist. Du tötest, wenn die Geschichte es verlangt. Du lässt leben, wenn etwas noch nicht fertig ist.
Und am Ende? Am Ende bleibst du mit leeren Händen dastehen – und fängst trotzdem wieder an. Weil es das Einzige ist, was du kannst.