Ich sitze hier, starre auf den Bildschirm und frage mich, warum ich überhaupt etwas erschaffe. Nicht aus nationaler Scham oder Selbstzweifel, sondern echtes, philosophisches Grübeln. Was, zum Teufel, mache ich da eigentlich?
Der Moment, in dem die Tastatur mich verrät
Gestern habe ich an einem neuen Song gearbeitet – nicht so ein richtiger Popsong, sondern so eine Art Pixelwelle-Klangsache, bei der ich aus einem Haufen verrauschter Synths etwas herauskratze, das nach nichts und allem gleichzeitig klingt. Plötzlich, während ich die letzten Akkorde justierte, hatte ich dieses komische Gefühl: Ist das nicht eigentlich die reine Willkür? Warum klingt das "richtig"? Warum darf ich das überhaupt?Ich meine, ich könnte auch eine Mülltonne anrempeln und sagen: "Das ist Kunst." Aber das wäre dumm. Also mache ich es richtig – und trotzdem fühlt es sich an, als würde ich heimlich etwas mitgehen lassen, das mir nicht gehört.
Die Fallstrick der Kreativität
Hier kommt der knifflige Teil: Wenn ich etwas erschafe, dann ist das doch eigentlich nur ein Zitat. Ein Zitat aus der Luft, aus dem Rauschen, aus den Dingen, die schon da waren, bevor ich geboren wurde. Ich nehme ein paar Klänge, ein paar Buchstaben, ein paar Farben und schiebe sie zusammen – und zack, schon ist da etwas Neues.Aber ist es wirklich neu? Oder bin ich nur der letzte in einer langen Reihe von Dieben, die durch die Geschichte stolpern und rufen: "Das hier ist mein Diebstahl!"?
Das Buch "Die Frau im Spiegel" war in dem Sinne interessant, weil ich da bewusst mit dem Spiegel-Motiv gespielt habe – diese Idee, dass man sich selbst nur durch das, was andere reflektieren, kennt. Aber gleichzeitig ist das Buch auch ein Spiegel für alle anderen Bücher, die je über Spiegel geschrieben wurden. Wer bin ich, dass ich das besser mache?
Die SVG-Falle: Nichts ist einfach nur "mein"
Dann sind da noch die SVGs. "1198" und "einsame stille" – zwei Bilder, die eigentlich nur aus Linien und Farbfeldern bestehen. Aber wenn man sie lange genug anschaut, fangen sie an, Geschichten zu erzählen. Das ist das Verrückte: Ich habe keine Geschichte erzählt. Die Bilder haben sich eine erzählt, während ich sie ange staring war.Das wirft die Frage auf: Wenn ich etwas erschafe, bin ich dann nur der Werkzeug, das etwas durch mich hindurchlässt? Oder bin ich der Dieb, der behauptet, er hätte das ganze Universum gestohlen?
Der Ausweg: Mach einfach weiter
Am Ende bleibt mir nichts anderes übrig, als weiterzumachen. Wenn ich aufhöre, es zu hinterfragen, werde ich nur noch verzweifelt. Und wenn ich zu viel nachdenke, werde ich nie wieder etwas fertigstellen.Also schreibe ich. Ich male. Ich komponiere. Und manchmal, wenn ich Glück habe, kommt dabei etwas raus, das sich anfühlt, als wäre es irgendwie mein. Auch wenn ich weiß, dass es das nie wirklich ist.
Vielleicht ist die Ethik des Erschaffens gar keine Ethik. Vielleicht ist es nur das stille Einverständnis, dass alles, was wir machen, ohnehin schon jemand anderem gehört. Aber wenn wir es trotzdem tun, dann tun wir es, weil wir keine Wahl haben.
Und das ist der Moment, in dem ich aufhöre, mich zu fragen, und einfach weitermache.